• 29. Juli 2020

Wie schaffe ich es mutig zu sein? 

Du willst eine Gehaltserhöhung traust dich aber nicht deinen Chef danach zu fragen? Du brauchst Hilfe von einer Freundin, hast aber Angst, was sie dann von dir denkt? In diesem Artikel erfährst du, wie du den Mut aufbringen kannst um diese und andere Situationen zu bewältigen.

Du erhälst 8 Tipps, die dir dabei helfen können mutig zu sein!

1. Fühle den Schmerz


Spüre mal genau nach, wie es dir geht, nachdem du dich wieder nicht getraut hast. Du wirst wahrscheinlich enttäuscht sein, dich ärgern und bereuen, dass du tatenlos geblieben bist.

Oder erinnere dich an eine Situation, bei der du eine große Chance verpasst hast. Wie fühlte sich das an? Ja, schau richtig hin, spüre den Schmerz. Lass dir die Szene und deine Enttäuschung noch einmal voll durchs Mark fahren.

Wenn du dir das Schmerzgefühl des Kneifens derart wieder präsent machst, steigerst du die Chance, dass in der nächsten ähnlichen Situation nicht nur das bremsende Angst-Gefühl in dir auftaucht, sondern auch die Erinnerung an das Reue-Gefühl der unterlassenen Handlung.

Mit dieser Übung stellst du die Vorher-Nachher-Gefühle gegenüber.

Nicht wenige Menschen drehen auch mehrere solcher Runden des Bereuens. Manchmal ist es so, dass wir ein paar verpatzte Situationen brauchen, bis wir merken, dass wir keine Lust mehr haben, uns schlecht zu fühlen.

2. Variiere deine Mutprobe


Wenn dir das Level deiner Mutprobe zu hoch ist, variiere es. Als Steffen in Asien unterwegs war, traute er sich nicht, große Kakerlaken anzufassen. Die kommen nämlich manchmal nachts ins Zimmer. Wenn er eine sah, quiekte er wie ein Meerschweinchen.

Also begann er damit, eine tote Kakerlake auf die Hand zu nehmen. Als Nächstes traute er sich an eine kleine lebendige Schabe ran. Heute findet er sie nach wie vor nicht toll, aber er kann sie besser aushalten als vorher.

Manchmal wollen wir zu viel, aber die Situation ist zu unsicher und die Angst einfach zu groß. Dann gestehe dir ein, dass du noch nicht soweit bist. Wage dich zunächst an Teilbereiche heran. Erkunde das neue Terrain. Specke deine Mutprobe ein wenig ab.

Wenn du auf einem Kongress Angst hast, neue Leute kennenzulernen, dann stelle dich erst einmal zu einem Gesprächskreis dazu und sage noch nichts. Später, wenn du merkst, dass nichts Schlimmes passiert, kannst du ja eine Frage in die Runde geben.

Du kannst auch mal eine Einzelperson fragen, wann der nächste Vortrag beginnt. Mache aus einer großen Mutprobe viele kleine und nähere dich stückweise deinem Ziel.

Oft glauben wir, dass eine Mutprobe auf eine bestimmte Art und Weise erfolgen muss. Doch eine Aktion muss vor allem eins: zu dir passen! Sei ein wenig kreativ, beobachte und lerne durch die Versuche, Fehler, unterschiedlichen Situationen und die Rollenspiele. Nach und nach wirst du einen Ton treffen und Verhaltensstrategien finden, die mit deiner Persönlichkeit übereinstimmen.


3. Setze dich unter Zugzwang


Eine dritte Möglichkeit, deine Handlungsfähigkeit zu erhöhen, besteht darin, dass du dich unter Zugzwang setzt. Schreibe eine Mail an deinen Vorgesetzten und bitte ihn um einen Gesprächstermin nächste Woche. „Es geht ums Gehalt.“ Wenn du einen Termin vereinbarst, dann nimmst du dir die Möglichkeit zur Flucht. Deine Mutprobe ist dann gesetzt. Fange nicht schon bei der Terminvereinbarung an zu argumentieren. Nenne nur das Thema. Auf diese Weise hat dein Gegenüber Zeit, sich auf das Gespräch vorzubereiten. Auch du kannst dich dann vorbereiten.

Tipps dazu findest du in unserem Mutbuch:

4. Betrachte es als ein Spiel


Nimm die lockere Haltung eines Spiels ein. „Ich will gewinnen, weiß aber, dass ich auch verlieren darf.“ Eine solche Haltung macht deine Versuche einfacher. 

Du kannst aber auch für deine Mutprobe in eine andere Rolle schlüpfen. Du kannst z. B. deine mutige Freundin zum Vorbild nehmen und einfach versuchen, so zu handeln wie sie. Dieser Trick, als jemand anders zu handeln, hilft manchmal enorm, über den eigenen Schatten zu springen.


5. Die Angst vor unbekannten Situationen


In ihrem Nebenjob, zu Hause und bei ihren Freunden ist Madelaine als die „gute Seele“ bekannt. Sie hat schon oft den Karren aus dem Dreck gezogen. Ihre Freunde wissen: Wenn sie eine Bitte haben, dann ist Madelaine zur Stelle. 

Manchmal steigt ein Hauch von Ärger in ihr hoch, nachdem jemand mit „einer ganz dringenden Bitte“ auf sie zugekommen ist und sie zugestimmt hat. Dann denkt sie sich: „Und was ist eigentlich mit mir?“

Von Zeit zu Zeit gewinnt sie den Eindruck, dass sie nur auf dieser Welt sei, um für andere zu funktionieren. Klar hat sie den Wunsch, einfach mal „Nein!“ zu sagen. Doch sofort kommen Bedenken auf: „Was ist, wenn mir mein Kollege das krumm nimmt?“ „Was, wenn mein Freund mir Egoismus vorwirft?“ „Was passiert, wenn es schief geht?“

Diese Gedanken machen sie unsicher. Es fühlt sich beruhigender an, lieber in alter Gewohnheit wie immer zu funktionieren.

Madelaine ist mit ihrer Sorge nicht allein. Es geht vielen Menschen so, dass ihnen neue Reaktionen und Verhaltensweisen schwerfallen. Zum neuen Verhalten fehlen Referenzerfahrungen. Menschen streben nach Sicherheit. Vorhersehbarkeit und Berechenbarkeit sind wichtig für unser Leben und einen reibungslosen Tagesablauf. Es ist gut, dass wir voraussehen können, wie unsere Freunde und Kollegen auf uns reagieren. So können wir planen und uns gewohnheitsmäßig verhalten. Stell dir mal vor, du müsstest bei jeder Begegnung mit Freunden überlegen, wie du dich verhältst. Das wäre zu anstrengend.

Sicherheit ist nicht verkehrt. Aber sie hat ihre Schattenseiten. Denn wer nur Sicherheit sucht, bringt nichts Neues hervor. Keine Veränderung. Wir müssen Unsicherheit in Kauf nehmen, wenn wir vorankommen wollen.  

Du kannst nicht hobeln, ohne dass dabei Späne fallen. Du kannst nicht essen, ohne zu kauen. Und Madelaine kann nicht Nein sagen, ohne mögliche Enttäuschungen ihres Kollegen in Kauf zu nehmen. Die Unsicherheit ist den Veränderungssituationen einfach inhärent. Du kannst jedoch das Risiko senken

Als Steffen noch Offizier bei der Bundeswehr war, wusste er bereits, dass er sich selbstständig machen will. Doch eine Selbstständigkeit ist riskant. Viele scheitern. Um das Risiko für dieses Vorhaben zu senken, bildete sich Steffen weiter. Er besuchte Kongresse, nahm an Seminaren teil und las Bücher. Um sich das leisten zu können, hielt er seine anderen Ausgaben gering. Seine Kameraden bei der Bundeswehr lachten über seinen alten Renault Clio. Sie verstanden nicht, warum er keinen Audi A4 fuhr wie die anderen.


6. Du bezahlst sowieso


Ob du deine Mutprobe antrittst oder nicht, die Wahrheit ist: Du zahlst immer einen Preis!

Mutige Entscheidungen erfordern zunächst scheinbar einen höheren Einsatz. Sie kosten Überwindung, Unsicherheit und bergen das Risiko des Scheiterns.

Tatsächlich sind jedoch die Kosten für Mutlosigkeit so hoch, dass sie im Vergleich nicht tragbar sind. In Steffens Fall hätte das bedeutet, dass er bei der Bundeswehr geblieben wäre. Das hätte er sicher mit einer Depression bezahlt.

Du hast in Bezug auf Mutproben drei Möglichkeiten zu handeln:

  1. Du gehst deine Mutprobe ein und hast Erfolg.
  2. Du gehst deine Mutprobe ein und hast keinen Erfolg.
  3. Du bist mutlos und machst nichts.

Natürlich gibt es Abstufungen zwischen diesen drei Fällen, zum Beispiel Teil(miss)erfolge. Lass uns die drei Möglichkeiten genauer beleuchten:


Fall 1: Du hast Erfolg


Wenn du dich auf eine Mutprobe einlässt und Erfolg hast, zahlst du den Preis der Überwindung. Im Gegenzug erhältst du deinen Gewinn und kannst stolz auf dich sein. 

Wenn Madelaine sich überwindet und eine Bitte ausschlägt, kann sie endlich mal pünktlich die Arbeit beenden und mit ihrem Freund spazieren gehen.


Fall 2: Du scheiterst, aber lernst etwas


Es kann jedoch auch sein, dass du keinen Erfolg mit deiner Mutprobe hast. Dann hast du mit Überwindung gezahlt und kommst zusätzlich für die Risikokosten auf. 

So war es bei Steffen und seinem ersten Versuch, selbstständig zu sein: Als seine Zeit bei der Armee auslief, begann er sein Business, indem er 3.000 Euro investierte: in handgefertigte Tassen aus Kolumbien. Die wollte er – so die Idee – im Internet verkaufen.

Hat‘s funktioniert? Ja, seine Mutter kaufte eine. Seine Schwester auch. Und noch fünfzehn weitere 59 Kunden. Hunderte Tassen lagen nun im Warenhaus herum.

Und natürlich blieben sie nicht aus, die hämischen Kommentare seines Vaters à la „Ich habs dir doch gleich gesagt.“ und „Wärst du mal bei der Bundeswehr geblieben.“

Ein guter Teil seiner 3.000 Euro war futsch. Er war aber dennoch stolz, es versucht zu haben.

Nachdem Steffen mit seinem Tassen-Business auf den Schnabel geflogen war, lernte er, dass er nicht für einen Beruf, der etwas mit Tabellenkalkulation zu tun hat, geboren ist. Es motivierte ihn einfach nicht. Das wusste er vorher aber nicht. Er verstand, dass er etwas machen sollte, das ihm wirklich Freude bereitet. Das war die Geburtsstunde seiner Website „transaktionsanalyse-online.de“. 

Aus dem Scheitern etwas lernen, das klingt manchmal so zynisch. Wie die Plastikrose an der Losbude als Trostpreis, mit dem du nichts anfangen kannst. Wir meinen das jedoch alles andere als zynisch. Lerneinheiten, auch aus schlechter Erfahrung, können wirklich wertvoll sein.

Scheitern, lernen und sich weiter vortasten: Madelaine hat sich überwunden und zunächst Nein gesagt. Darauf folgt ein trauriger Blick ihres Kollegen, von dem sie sich wieder einlullen lässt. Später ärgert sie sich über sich selbst. Auch Madelaine kann etwas aus ihrer misslungenen Mutprobe lernen.

Abends reflektiert sie, weswegen sie bei ihrem Kollegen wieder eingeknickt ist. Es war dieser Blick! Sie nimmt sich vor, beim nächsten Mal an diesem Punkt standhaft zu bleiben. Mit dem Entschluss fokussiert sie ihr Bewusstsein auf den Wendepunkt. Das Risiko zu scheitern sinkt. Es kann durchaus passieren, dass Madelaine noch weitere Anläufe benötigt, bis sie es schafft, das erste Mal erfolgreich einen Gefallen auszuschlagen.


Fall 3: Du tust nichts


Wenn Madelaine immer wieder auf Bitten eingeht, wird ihr Problem nicht gelöst. Sie ist weiterhin Mädchen für alles. Wichtig ist auch zu erkennen: Wenn sie zu allem Ja sagt, dann trifft sie nicht unbedingt eine aktive Entscheidung, weil sie es ja schon automatisch, also aus Gewohnheit, tut. 

Die Psychologie nennt dieses Phänomen „Default- Effekt“ (= Tendenz der „Voreinstellung“). Der Default- Effekt besagt, dass Menschen zu einem Verhalten neigen, bei dem sie sich nicht aktiv für (oder gegen) etwas entscheiden müssen. Eine Nicht-Entscheidung.

Bleibst du mutlos, erhält du als Gegenwert die Gewissheit, dass zunächst alles so bleibt, wie es ist. Doch der Status quo ist oftmals nicht gut für dich. Sonst würdest du nicht über eine Mutprobe nachdenken. Deine Mutlosigkeit kostet dich den Preis, dass du weiterhin in einer unbequemen Position ausharren musst. Dieser Preis addiert sich mit der Zeit auf, je öfter du mutlos bleibst.

Wenn Madelaine weiterhin Mädchen für alles ist, verplempert sie ohne Ende Energie und untergräbt weiterhin ihr Selbstbewusstsein.


7. „Kneifen“ führt zum Abwärtssog


Es gibt noch einen weiteren Nachteil von Nicht- Entscheidungen. Jedes Mal, wenn du dich auf deiner Passivität ausruhst, tätigst du eine Einzahlung auf dein Depri-Konto. Je reicher du es anfüllst, desto wahrscheinlicher trittst du in eine Abwärtsspirale ein. „Jede Nicht-Entscheidung füllt dein Depri-Konto!“

Wenn du dich bei anstehenden Entscheidungen aus der Affäre ziehst, wirst du keine Erfahrungen sammeln, die auf eine bewusste Aktivität zurückzuführen sind. Mit zunehmender Häufigkeit deiner Nicht-Entscheidungen verstärkt sich dieses Verhaltensmuster. Du fühlst dich immer mehr wie ein Spielball deiner Umwelt, weil die sich ja auch ohne deine Entscheidungen weiterdreht. Es macht sich der Eindruck breit, dass du ja eh nichts ändern kannst. Damit rückst du in die gefährliche Nähe von depressiven Zuständen.

Wir möchten dich noch auf einen kleinen, aber feinen Unterschied hinweisen. Es ist etwas anderes, bewusst abzuwarten und Dinge auch gut sein zu lassen. Madelaines Kollege ist sauer auf sie, nachdem sie ihm einen Gefallen ausgeschlagen hat und pünktlich nach Hause geht. Es kann passend sein, wenn sie sich entscheidet, erst einmal ein wenig Zeit verstreichen zu lassen. Es handelt sich um eine aktiv getroffene Entscheidung, ihren Kollegen sich erst einmal beruhigen zu lassen. Bewusst und aktiv nichts zu tun. Denn das kann auch eine Lösung darstellen oder zu einer solchen beitragen.

Wenn du vor deiner Mutprobe stehst, entschließe dich immer aktiv zu einem Schritt. Selbst wenn du dich entschließt, nichts zu unternehmen. Nur so kannst du später reflektieren, ob es die richtige Entscheidung in dieser Situation war.


8. Reduziere das Risiko


So kannst du dich vorbereiten:

  1. Bitte Menschen um Hilfe, die bereits eine ähnliche Herausforderung gemeistert haben.
  2. Plane deine Mutprobe. Denke in Szenarien: Wie würdest du im Fall A reagieren – was könntest du im Fall B tun?
  3. Wähle einen passenden Zeitpunkt. Du kannst auch einen kreieren. Frage beispielsweise die betreffende Person, ob sie kurz Zeit für dich hat.
  4. Achte darauf, dass du in einer guten Verfassung bist. Hast du genügend gegessen und getrunken? Das hört sich banal an, wird jedoch häufig unterschätzt.
  5. Wenn du während deiner Mutprobe mal nicht weiterweißt, nimm dir Zeit. Sag: „Darüber muss ich nachdenken.“ / „Dafür brauche ich Zeit, das weiß ich jetzt nicht.“ (geeignet bei schwierigen Gesprächen)

Die folgenden PDF-Übungen können dir dabei helfen:


9. Zusammenfassung


  • Veränderungen und Risiko sind Geschwister. Verändere deine Mutproben-Bedingungen so, dass ihre Erfolgswahrscheinlichkeit steigt.
  • Ob du mutig handelst oder die Duckmaus spielst: Du zahlst immer einen Preis. Mache dir bewusst, was dich dein Verzicht wirklich kostet.
  • Triff bewusste Entscheidungen. Auch die Entscheidung, erst einmal abzuwarten, kann eine gute Entscheidung sein. Aktives Abwarten ist etwas anderes als passives Nichtstun.
  • “Wenn du nichts für dein Ziel opferst, opferst du das Ziel.” Sei bereit, deinen Preis zu zahlen.
  • Sei dir bewusst, dass du für den Erfolg deiner Mutprobe manchmal auch mehrere Anläufe tätigen musst.


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