Nenn' mich nicht hysterisch! #dramaqueen

In welcher Welt wollen wir leben?

Es ist eine der ältesten Geschichten der Paarbeziehungen. Sie weint, sie schreit, sie flucht, sie heult, sie zittert, sie jammert, sie ist verzweifelt.

Und der oftmals männliche Vorwurf: „Reiß dich doch mal zusammen! Sei nicht so hysterisch!“ Um diese klassische Rollenverteilung im Drama-Dreieck soll es in jetzt gehen. Die Rotation der Beteiligten zwischen Opfer, Retter und Verfolger.

Achtung! Wir möchten hier auf ein Phänomen hinweisen, das in dieser Form häufiger in Beziehungen vorkommt. Unser Anliegen ist es nicht, Stereotype oder sexistische Vorurteile über “typisch weibliches” oder “typisch männliches” Verhalten zu reproduzieren. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass bestimmte Attribute wie “zärtlich” oder gar “hysterisch” oftmals als “weiblich” definiert werden und negativ konnotiert sind. 

Für diesen Artikel inspirierte mich dieser Post einer englischsprachigen Freundin von mir: Don't tell me I am drama. Unser Status Quo: Männer (und Frauen ebenso!) lieben es Frauen als hysterisch zu bezeichnen, als emotional, als Drama-Queens.

Emotional, das ist irrational. Es wirkt in einer rationalen Welt der Wissenschaft, der Wirtschaft und des Geistes lächerlich. Dennoch macht Frau immer wieder „aus einer Mücke einen Elefanten“ und Mann weist sie streng in ihre Schranken. Und umgedreht.

Mein Aufruf: Wir leben im 21. Jahrhundert. Ich rufe dazu auf Gefühle anzuerkennen und auszudrücken. Lasst uns lernen, von jenen Menschen, welche nicht scheuen, respektvoll ihre Angst, ihre Zweifel und ihre Sorgen zu teilen. Lasst uns den nächsten Schritt in unseren (Paar-) Beziehungen gehen und wirklich offen und ehrlich miteinander sprechen. Dazu gehört, dass wir einander mit Respekt begegnen.

Respekt kann nicht stattfinden, wenn weibliche empfundene Eigenschaften, wie Emotionalität, noch immer negativ besetzt sind. Es ist Zeit, dass wir unsere Sprache, unsere Gewohnheiten und unsere Paarbeziehung umgestalten. Es kann nicht unser Ziel sein, dass Männer und Frauen sich verhärten, sich von ihren Gefühlen abschneiden oder sie ignorieren. Das Leben ist mehr als Gedanken und rein verstandes-mäßige Erfahrungen.

Deshalb Schluss mit alten Sprüchen über Hysterie, „Reg dich nicht so auf.“ oder „Hast du deine Tage?“. Wir, Männer und Frauen, verdienen gleichermaßen mehr Respekt in unserem Miteinander.

1. Die Paarbeziehung

Im oben verlinkten Blogartikel geht es darum dramahaftes Verhalten von Frauen zu durchdringen – mit Verständnis. Zunächst einmal glauben wir nicht, dass sich Männer und Frauen großartig in dramahaften Verhalten unterscheiden.

Der Klassiker sieht so aus: Die Frauen suchen die Auseinandersetzung, Männer verlassen das Zimmer. Damit ergänzen sich beide Seiten der Medaille und tragen zum Beziehungsdrama bei. Eine Seite hat ein „zu viel“ an Gefühlen, die andere Seite ein „zu wenig“. Es fehlt an Balance. Es gibt in Wahrheit kein „Du bist schuld“, sondern nur ein Beziehungsmuster zu dem beide beitragen.

Beide sagen: „Du treibst mich zur Weißglut“ oder „Du machst mich wahnsinnig“.

Es ist ein Teufelskreis. Frauen fühlen sich in ihren Ängsten und Sorgen ungesehen. Männer fühlen sich angegriffen und per se für schuldig befunden. Beim Versuch, sich durchsetzen, wird die Frau vielleicht aggressiver oder weinerlich-verzweifelt. In seinem Versuch sich abzugrenzen wird der Mann ruppig oder isoliert sich. Wieder zwei Seiten der gleichen Beziehungs-Medaille. Mit jeder Wiederholung des Teufelskreises sind beide ein bisschen verletzter und entfernter voneinander.

2. Verantwortung für die eigenen Gefühle

Ich kenne nur zu gut, dass Gefühle, die ich gerade gar nicht haben will, scheinbar einfach so in mir aufsteigen. Tatsächlich gibt es aber einen Grund dafür. Und ich habe die Möglichkeit meine Gefühle und den Grund zu erforschen. Das scheint im ersten Moment undenkbar. Schließlich haben Wut oder Traurigkeit mich doch schon übermannt. Tatsächlich ist es eine Frage des Trainings.

Brendon Burchard, einer der großen amerikanischen Psychologen und Online-Coaches, beschreibt in seinem Blogartikel eindringlich, wie ich diesen winzigen Moment zwischen Impuls (Wut, Trauer) und Reaktion („Hysterie“) erst sehen, dann erspüren und schließlich verlängern kann. Diese winzige Sekunde zwischen Impuls und Reaktion zu verlängern, darin liegt die große Chance. Denn wenn ich die Zeit zwischen Impuls und Reaktion verlängere, habe ich Zeit, mich zu einem neuen Verhalten zu entscheiden und die Dinge neu zu gestalten.

In dieser Zeit habe ich die Möglichkeit hin-zu-fühlen. Ich kann (und sollte am Anfang vielleicht sogar) mit meinem Partner eine „Auszeit“ vereinbaren. „Das Gefühl von Ärger steigt in mir auf, ich will sofort meinen Partner anschreien. Aber halt Stop - Auszeit!“ So kann ich mich ein paar Minuten zurückziehen und fühlen: Wo sitzt das Gefühl? Wie verhält es sich? Was will es mir sagen? Welche Farbe hat es? Und was macht es jetzt? Und was macht es jetzt? Und was macht es jetzt?

Durch Gefühlsbeobachtung, verändert sich das Gefühl. Keiner muss bei aufkommendem Ärger ausrasten. Jeder kann sich entscheiden das Gefühl auch einfach nur zu beobachten. Auch, wenn der Impuls zu handeln verführerisch erscheint. Dies ist die Verantwortung der Frau, wenn sie sich übergangen, verzweifelt, ungesehen oder traurig fühlt. Statt auf ihren Partner einzuwirken, hin-zu-fühlen. Und es ist die Verantwortung des Mannes, wenn ihn ein Gespräch verwirrt, unsicher macht oder er sich am liebsten gleich verteidigen will. Eine 5-Minuten-Auszeit (mit auf die Uhr schauen) und nur das Gefühl beobachten.

3. Hinfühlen als Reaktion auf die Unausgeglichenheit des Partners

Genauso kann ich hinfühlen als Reaktion auf die Unausgeglichenheit meines Partners. Manchmal bemerke ich, dass es beim Ärger meiner Partnerin gar nicht um mich geht. Sie schreit mich an, weil ihr Laptop nicht hochfährt oder der Fensterputzer den Termin verlegt hat. Ich kann ihren Stress, ihre Zeitnot und Ressource-Armut beobachten – und Verständnis zeigen, statt zurückzuschreien. Aber wie? Beobachte das Gefühl, welches dein Partner in dir auslöst. Tue nichts, als dein Gefühl zu beobachten. Was tut es? Und jetzt? Und jetzt?

Manchmal sagt sie „Du drängst dich immer in den Vordergrund“. Und ich sehe: Unsere Partner (oder auch Eltern und Kollegen) triggern ihre eigenen Themen - darin sind sie die Besten. Eigentlich wäre sie lieber vorgetreten, hätte sich zu Wort gemeldet und eine Geschichte erzählt. Tatsächlich war sie zu ängstlich und schüchtern. Statt über mich ärgert sie sich eigentlich über sich selbst. Ich bin ihre Projektionsfläche. Das sollte ich aber besser nicht sagen. Bemerke ich, dass meine Partnerin mich angreift, dann passierte es mir schon häufig, dass ich mich auf eine Diskussion einließ, die nicht selten in einem handfesten Streit endete.

Heute halte ich inne und frage mich, ob es wirklich um mich geht. Und ich beobachte meine aufkommenden Gefühle auf ihr Verhalten mit einer kindlichen Neugier. „Ach sieh an, da kommt aber Ärger auf. Wo sitzt der? Hier in der Brust. Was macht der? Er pulsiert. Und jetzt? Noch immer. Und jetzt? Jetzt hat sich das Gefühl weiter nach unten verschoben. Das Pulsieren ist auch anders. Und jetzt? Jetzt wird es weniger. Und jetzt? Jetzt kommt der Gedanke, dass es gar nicht um mich geht. Und jetzt? Das Gefühl von Ärger ist weg. Ich empfinde stattdessen Mitgefühl für meine Partnerin. Interessant.“

Meine Sekunde zwischen Impuls und Reaktion ist länger geworden - so lang ich will - bis kein negatives Gefühl mehr da ist. Und was kommt am Ende dabei heraus? Stell dir vor, dein Partner ist sauer auf dich und du fühlst dich trotzdem gut. Außerdem kannst du angemessen auf das Verhalten deines Partners reagieren - zur beidseitigen Förderung eurer Beziehung. Das kommt dabei heraus.

Und bei echten Streitthemen? Den großen und kleinen Fragen des Alltags, der Beziehungsgestaltung und der gemeinsamen Zukunft? Es gilt das Gleiche. Dein Partner (Mann oder Frau) ist aufgeregt, verzweifelt, weint oder schreit? Versuch einmal das: Höre zu. Und fühle deine Gefühle. Höre hin und fühle deine Gefühlsreaktion - ohne zu handeln.

Das wichtige ist dabei wieder die Sekunde zwischen Impuls und Reaktion zu erkennen und zu nutzen. Nämlich dazu, nicht zu reagieren und stattdessen hinzufühlen. Du verteidigst dich nicht, du rechtfertigst dich nicht, du erklärst nicht. Du bleibst still und fühlst in dich rein. Und du hörst zu. Deine ganze Energie verwendest du darauf deine aufkommenden Gefühle zu beobachten und deinem Partner zuzuhören. Egal ob es dich verletzt, wütend oder traurig macht. Fühlst du den Schmerz? Die Trauer? Die Verzweiflung? Gut so.

Beobachte einfach nur wie ein neugieriges Kind. Lass das Urteil über deine Gefühle weg und beobachte es einfach nur. Welche Farbe hat es? Was tut es? Drückt es? Pulsiert es? Kriecht es immer weiter hoch? Kaum noch zum Aushalten? Stopp - das letzte ist eine Bewertung. Lasse es kriechen. Lasse es tun und machen. Die Angst, dass es dich überrennt, ist unbegründet. Beobachte es „einfach“ nur.

Und kannst du dich in den anderen währenddessen einfühlen? Wahrscheinlich noch nicht. Aber: Indem du deine Gefühle konstant beobachtest, nimmst du sie und damit auch ein Stück von dir tatsächlich an. Du transformierst dein Gefühlsleben und es wird dir bald möglich sein, zwischen deinen und den Gefühlen deines Partners unterscheiden zu können. Das ist die Meisterklasse. Emotionale Kompetenz.

Du lernst deinen Partner zu sehen und unterscheidest dich gefühlstechnisch von ihm. Das schafft eine neue emotionale Freiheit. Eure ungesunde Verschmelzung hebt sich nach und nach auf und ihr könnt zwei eigenständige Individuen werden, die sich nicht mehr im Teufelskreis der Gefühlsverschmelzung drehen. Ihr seid jetzt ein Paar, weil ihr tatsächlich zusammen sein wollt.

4. Innehalten und neu entscheiden

Es ist leicht bei emotionalen Worten meines Partners, direkt zurückzuschlagen oder mich zurückzuziehen. Mit Formulierungen wie „Stell dich nicht so an.“, „Das ist doch nicht so schlimm.“ oder „Krieg dich wieder ein.“ erhebe ich mich über den anderen. Ich bin im Recht, der Andere im Unrecht.

Eine Lösung und ein Miteinander werden auf diese Weise verhindert.

Werde dir der Sekunde nach dem Gefühls-Impuls bewusst, verlängere sie, beobachte deine Gefühle so lange, bis sie sich ausreichend positiv für dich verändert haben, entschließe dich - aufgrund der transformierten Gefühle - zu einem neuen Handeln.

Du wirst beobachten wie die Palette an Handlungsmöglichkeiten für dich immer größer und farbenfroher wird. Und wenn du sanfter und emphatischer reagierst, wirst du sehen, dass auch dein Partner die Chance zu ganz neuen Verhaltensweisen hat. Und das Beste ist: Es braucht lediglich eine Person, die auf diese Weise an der Beziehung und an sich selbst arbeitet. Ich wünsche dir eine Beziehung mit Win-Win-Lösungen statt Kleinkrieg, mit Respekt statt Vorurteilen und ich freue mich, wenn du heute den ersten Schritt dieses Weges gehst – für deinen Partner oder deine Partnerin und für uns alle und vor allem für dich selbst.


Ich freue mich, wenn du mir Feedback auf den Artikel schickst. Ich beantworte jede Mail, wie immer, persönlich.

Viele Grüße





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Schluss mit alten Sprüchen über Hysterie, „Reg dich nicht so auf.“ oder „Hast du deine Tage?“. Wir, Männer und Frauen, verdienen gleichermaßen mehr Respekt in unserem Miteinander.
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