• 23. Oktober 2019

Soziale Bedürfnisse: Mutig Grundbedürfnisse erfüllen 

Was wollen wir Menschen eigentlich? Mit dieser Frage haben sich schon etliche Psychologen beschäftigt. Sie sind auch fündig geworden. Um den Fund eines Psychologen soll es in diesem Artikel gehen.

Die Bedürfnispyramide 

Der bekannteste Vertreter ist Abraham Maslow. Er entwickelte im 20 Jahhundert die relativ bekannte Maslowsche Bedürfnispyramide. Sie gibt uns einen ersten Einblick darüber, wonach Menschen streben und was sie sich wünschen.

Menschen streben zuerst danach, sich körperliche Bedürfnisse zu erfüllen. Ist eine Stufe weitestgehend abgedeckt, wird ein neues Bedürfnis der nächsthöheren Stufe geweckt. Erst müssen also erst die körperlichen Bedürfnisse der untersten Stufe erfüllt sein, wie beispielsweise Essen und Schlafen. Ist das sichergestellt, treten die Sicherheitsbedürfnisse auf den Plan. Diese drücken sich neben dem Wunsch nach einer festen Unterkunft vor allem dadurch aus, dass wir uns im Alltag zurecht finden. Wann ist Zeit zum ins Bett gehen? Wie funktioniert ein Fahrrad? Wie kommt man mit dem Chef klar?

Die Einzelnen Stufen dieser Pyramide werden nicht, wie eine Treppe erklommen, sondern sie überschneiden sich vielmehr. Wir interessieren uns noch immer für Essen und Schlaf, auch wenn wir bereits die Stufe der Sicherheit erlangt haben. Die verschiedenen Bedürfnisse überlagern sich.

Natürlich würden wir alle am liebsten ganz oben auf dieser Pyramide stehen. Wohoo! Aber leider ist das meistens nicht der Fall. Meistens befinden wir uns meistens tiefer als wir denken. Viele Menschen üben einen Beruf aus, der ihnen gar nicht so richtig Freude bereitet. Klar, sie müssen Geld verdienen (Sicherheitsbedürfnis) und wollen vielleicht auch Karriere machen (soziales Bedürfnis). Darüber hinaus üben viele Menschen einen Beruf aus, der ähnlich zu dem der Eltern ist (soziales Bedürfnis). Was viele als Selbstverwirklichung begreifen ist in Wahrheit das Streben nach Sicherheits- und sozialen Bedürfnissen.

Ein anderes Indiz dafür ist der Wunsch reich zu sein und nie wieder arbeiten zu müssen. Reich sein bezieht sich auf ein Sicherheitsbedürfnis. Nie wieder arbeiten zu müssen bedeutet, dass man vorher nichts gemacht hat, dass dem eigenen Wesenskern entspricht. Wir kennen keinen Millionär, der den ganzen Tag faul in der Sonner liegt. Das entspricht nicht unserem Wesen. Ein paar Monate Auszeit, das kennen wir. Doch nach einer gewissen Zeit packt die Menschen die Unzufriedenheit. Sie wollen etwas tun, sich engagieren. Das sieht man immer wieder. Wer also den Wunsch hat, nie wieder arbeiten zu müssen, hat nach unserem Verständnis noch nicht einmal an der Stufe der Selbstverwirklichung geschnuppert. Diese Leute können sich noch nicht einmal vorstellen, wie es sein kann, aus reiner Freude an sinnvoller Produktivität tätig zu sein.

Es ist auch gar nichts Negatives, wenn man sich darüber bewusst wird, dass man weiter unten rangiert als gedacht. Im Gegenteil. Es braucht richtig viel Mut. Hat ein Mensch erst einmal erkannt, dass er mit seinem Verhalten vorrangig diese beiden Stufen bedient, dann ist bereits viel gewonnen. Solche Menschen haben vielen anderen Menschen einen Wissensvorsprung voraus. Sie haben ein Stück Verblendung aufgegeben und können sich an die eigentliche Arbeit machen. Sie haben einen klaren Blick auf ihre eigentlichen Bedürfnisse. Vielleicht merken sie, dass sie Mode und eine chice Wohnung nur dazu gebraucht haben, um Anerkennung von anderen zu erhaschen. Eine solche Erkenntnis könnte ihnen den Anlass geben, nicht mehr den Umweg über derlei Statussymbole zu nehmen, sondern direkt auf die Befriedigung solcher Bedürfnisse zuzugehen: “Ich mag unsere Gespräche. Ich kann dich leiden. Wir erleben coole Sachen.”

Brauchen wir keine Umwege für das Erfüllen unserer Bedürfnisse mehr, können wir sie viel leichter und energiesparender erreichen. Wir beginnen uns nach oben zu entwickeln. Ein solcher Weg bleibt Menschen verschlossen, die glauben, dass sie sich bereits selbst verwirklichen. Allerdings braucht es auch Mut, direkt auf ein Bedürfnis zuzugehen. Frage mal beispielsweise deinen Partner, ob er dir Aufmerksamkeit zukommen lassen kann. Das ist für manche Menschen mitunter eine Herausforderung.

Wir glauben, dass die meisten Menschen erst einmal ihre 2. und 3. Stufe ausbauen können, also die Sicherheits und sozialen Bedürfnisse. Dabei gehen wir von uns selbst aus. Viele Wünsche beziehen sich auf einen Mangel dieser Stufe. So wie bei Robin, die gern soziale Anerkennung haben will. Daniele steht sogar noch eine Stufe tiefer. Mit seiner arroganten Haltung sind ihm Beziehungen zu anderen Menschen oft noch nicht sooo wichtig. Er will oftmals noch lieber Recht haben als wertvolle Beziehungen. Recht haben bezieht sich auf Sicherheitsbedürfnisse. Hat er mal Unrecht, kann er das überhaupt nicht leiden. Es bedroht sein Weltbild. Das bringt ihn manchmal aus seiner Mitte.

Lass uns nun ein paar Stufen der Maslow-Pyramide genauer betrachten. Grundlegend sind unsere körperlichen Bedürfnisse. Kurz gesagt: Ohne Verpflegung, keine Bewegung. Wenn du keine Luft zum Atmen hast, kein Essen oder Wasser, dann richtet sich deine ganze Aufmerksamkeit darauf, das zu beschaffen. Wir gehen davon aus, dass du diese Stufe erfolgreich gemeistert hast. Sonst würdest du dieses Buch nämlich nicht lesen, sondern schauen, wie du einen Apfel aus dem nächsten Supermarkt stibitzen könntest.

Das Bedürfnis nach Sicherheit

Ist unser Bedürfnis nach körperlicher Versorgung weitestgehend gestillt, tritt das Sicherheitsbedürfnis in den Vordergrund. Dieses beinhaltet unter anderem, dass du ein Dach über dem Kopf hast und nicht fürchten musst, im nächsten Moment ohne alles dazustehen. Sparen beispielsweise erfüllt unser Bedürfnis nach finanzieller Absicherung. Manche wiederum brauchen das Sparen nicht. Sie erfüllen sich ihr Sicherheitsbedürfnis, indem sie einen Helm beim Radfahren aufsetzen. Das Bedürfnis nach Sicherheit nimmt bei Menschen unterschiedliche Facetten an.

Es beinhaltet aber noch ganz andere Punkte, die für unseren Mut interessant sind:

  1. Wir haben die Neigung, Bekanntes dem Unbekannten zu bevorzugen. Das gibt uns Sicherheit. “Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht.”
  2. Wir haben den Wunsch nach Gewohnheiten und Vorhersagbarkeit. Das gibt uns Orientierung und Struktur: Morgens und abends Zähne putzen, Stundenplan, das Verkehrsmittel zu unserer Arbeit oder wie wir durch unseren Supermarkt laufen und was wir dort einkaufen.
  3. Wir möchten uns die Welt erklären können: Wissenschaft, Religionen und Bauernweisheiten bieten uns Erklärungsmodelle, wie wir die Welt betrachten können. Auf dieser Ebene arbeiten wir in diesem Buch. Wir bieten dir Konzepte, mit denen du dich in unsicheren Situationen zurecht finden kannst. Das steigert deinen Mut.

Diese Neigungen sind Ausdruck unseres Bedürfnisses nach Sicherheit. Allerdings wird das im Zusammenhang mit der Bedürfnispyramide so gut wie nie erwähnt. Aus diesem Grund ziehen wir uns ein weiteres Konzept heran. Die psychologischen Grundbedürfnisse. Es kommt aus der “Transaktionsanalyse”, einem psychotherapeutischen Verfahren. Sie wird in allen Bereichen eingesetzt, wo das Miteinander verbessert werden soll. An Schulen, in Unternehmen und auch bei der Persönlichkeitsbildung. Die psychologischen Grundbedürfnisse kennen auch das Bedürfnis nach Sicherheit. Dort heißt es das Grundbedürfnis nach Struktur.

Dieses psychologische Grundbedürfnis hilft uns dabei, Reize aus der Umwelt einzuordnen. Wir bewerten und interpretieren sie. Damit verschaffen wir uns Orientierung und Handlungssicherheit. Die brauchen wir, um unseren Alltag zu regeln und somit unser Überleben zu sichern. Du siehst an der Straße ein rotes Licht. Das interpretierst du als ein Stop-Signal an der Ampel. Immer wenn du so ein rotes Licht an einer Kreuzung siehst, weißt du, was es bedeutet. Es gibt dir eine Struktur.

Stell dir vor, wir hätten diese Fähigkeit nicht. Dann könnten wir beispielsweise nicht unterscheiden zwischen Nahrung und nicht Essbarem. Vielleicht würdest du dir eine Glasscherbe in den Mund stecken und auf ihr herumkauen. Du wüsstest ja nicht, das Glas zu den nicht essbaren Dingen gehört. Als kleines Kind entwickeln wir ein Selbstbild, ein Bild über andere Menschen und die Welt an sich. Dieses Wertesystem gibt uns eine Grundstruktur, an der wir uns orientieren können. Jeder Mensch hat so eine Grundstruktur.

  • Daniele könnte in seiner Grundstruktur verankert haben, dass er sich auf andere nicht unbedingt verlassen kann. Deswegen wertet er andere ab und sich selbst auf. Das zieht sich durch sein ganzes Leben. Wie alle Menschen, bevorzugt auch er das Bekannte gegenüber dem Unbekannten. Er ist ehrfürchtig vor Menschen, die ihn beeindrucken können und stellt sich über andere, die er für schwächer hält. Er ist gewohnt, Menschen in diesem Raster zu betrachten. Das ist seine Struktur. Damit weiß er umzugehen. Gewohnheiten haben den Vorteil, dass wir nicht mehr darüber nachdenken müssen, was wir tun. Die Ergebnisse sind vorhersagbar. Auf diese Weise wiederholt Daniele seine Erfahrungen mit seinen Mitmenschen immer wieder: “Die anderen können nichts, die sind doof. Und es gibt einige wenige, vor denen man Hochachtung haben muss.”

Das gilt aber auch für andere Gewohnheiten: Wenn Robin denselben Weg zur Arbeit fährt, wie sie es bisher immer getan hast, wird sie ankommen. Sie hat ein Gefühl dafür entwickelt, wie lange sie für ihren Arbeitsweg brauchen wird. Ohne großartig darüber nachdenken zu müssen. Autopilot eingeschaltet und fertig. Das gibt Struktur und somit Sicherheit.

Wir suchen immer nach Erklärungen für Dinge, die uns widerfahren. Auf diese Weise können wir sie einordnen und werden handlungsfähig. Solange wir nicht wissen, wie wir zu einer Sache stehen, können wir nicht adäquat darauf reagieren. Das könnte Gefahr bedeuten. Deswegen lieber schnell ein Urteil bilden. Selbst wenn es mitunter falsch ist.

  • Robin trifft einen neuen Kollegen auf dem Gang. Er kneift die Augen zusammen. Robin denkt sich: “Warum hat der mich gerade so fies angeschaut?” und ordnet ihn erstmal als “komischen Kauz” ein.

    Dabei hat den Kollegen tatsächlich das reflektierende Sonnenlicht aus einem Fenster geblendet.

Die nächste Geschichte ist Steffen in Indien passiert, kurz nach der Landung.

  • Er fragt einen Taxifahrer, ob er ihn zum Hotel fahren kann. Der Taxifahrer schüttelt den Kopf. Steffen ist bin erstmal baff. Er denkt sich: “Dann nicht!” - und geht zum nächsten Taxifahrer. Der schüttelt wieder den Kopf. Steffen fragt sich: “Haben die ihren Job nicht verstanden?”

    Dann fällt ihm ein. In Indien bedeutet Kopfschütteln ein “Ja”. Steffen geht zurück zum ersten Taxifahrer und fragt noch einmal, ob er ihn zum Hotel bringen könnte. Er schüttelt wieder den Kopf. Obwohl Steffen durch das Kopfschütteln eine Ablehnung fühlt, zwingt er sich die Tür des Taxis zu öffnen und setzt sich auf den Rücksitz.

    Gefühlt erwarte er, dass der Taxifahrer seine Autotür wieder öffnet und ihm aus dem Auto zieht. Der Fahrer steigt jedoch vorn ein und startet den Motor.

    Als Steffen während der Fahrt darüber nachdenkt, was passiert war, sucht sein Gehirn ganz automatisch nach einer Erklärung für die Situation. “In Indien bedeutet Kopfschütteln ein Ja”. Das hatte Steffen auch schonmal gelesen, aber noch nicht selbst erfahren. Bis zu diesem Zeitpunkt nahm er an, dass ein Ja immer mit einem Kopfnicken verbunden ist. Seit diesem Zeitpunkt nimmt er an, dass ein Ja immer mit einem Kopfnicken verbunden ist, bis auf die Teile der Welt, wo es anders ist. Damit hatte sich Steffens Weltbild um eine Erfahrung erweitert. Im Vergleich zu jemanden, der dieses Phänomen noch nicht erlebt hat, hat Steffen einen kleinen Vorteil durch seine Erfahrung.

Wir brauchen Strukturen, damit wir uns sicher fühlen. Je genauer uns unsere Strukturen die Welt erklären können, desto besser finden wir uns in ihr zurecht. Mit Strukturen meinen wir:

  1. Deine Gedanken
  2. Deine Gefühle

Deine Gedanken und Gefühle können entwickelt werden. Tatsächlich gehören sie zusammen. Entwickelst du das eine, entwickeln sich das andere ebenfalls mit.

  • Robin hat sich verabredet. Ihr Kollege verspätet sich. Sie fängt an, sich darüber zu ärgern. Als er 20 Minuten später eintrifft, erkennt sie, dass es ihm leid tut und dass er ein schlechtes Gewissen hat.

    Robin könnte jetzt nur ihren Schaden sehen und sich aufregen. Versetzt sie sich jedoch auch in die andere Person hinein, wird sich ihr Ärger wandeln. Dann sieht sie ihren Schaden, aber auch die schwierige Lage ihres Kollegen. Mit dieser zusätzlichen Erkenntnis lässt sich die Situation viel besser und umfassender verstehen, als wenn sie nur bei ihrer Sicht der Dinge bliebe.

    Robins erweiterter Blickwinkel wird förderlicher und damit auch energiesparender bei der Klärung sein, als wenn sie ausschließlich ihre Sicht der Dinge berücksichtigst.

Zur Struktur gehört auch Wissen darüber, wie du in unbekannten Situationen denkst und fühlst. Quasi die Struktur des Unbekannten. Mutige Menschen wissen, was mit ihnen in unsicheren Situationen passiert. Sie können sich vertrauen.

An dieser Stelle ist es für dich erst einmal wichtig zu wissen, dass wir Strukturen brauchen, weil sie ein Sicherheitsbedürfnis darstellen. Du hast sie ja auch bereits. Indem du deine Strukturen überdenkst und sinnvoll erweiterst, kannst du dein Bedürfnis nach Sicherheit besser befriedigen.

  • Daniele streitet sich öfter mit seiner Partnerin. Zusammen mit seiner Frau haben beide eine Struktur aufgebaut, die immer wieder zum selben Streitergebnis führt. Sie haben eine Streit-Gewohnheit entwickelt, einen Teufelkreis. Indem Daniele seine “Streit-Struktur” erweitert, kann er sich bei Reibereien anders verhalten. Das könnte er tun, indem er mutig ein Seminar über Konfliktmanagement besucht. In der Folge von Danieles mutig angewandten neuen Strategien, kommt zu anderen Ergebnissen beim Streit mit Danieles Frau. Er ist in Bezug auf Konflikte flexibler geworden, weil er mehr Möglichkeiten hat zu streiten. Er kann seine alte Strategie anwenden, aber auch die neu gelernte.

Das gleiche Prinzip wenden wir auch in Bezug auf Mut an. Du erhältst von uns neue Konzepte und Anregungen, mutig zu seinWas wir von dir brauchen, ist dass du die Ideen anwendest und erst hinterher für dich beurteilst, ob du sie übernehmen willst.

Soziale Bedürfnisse - Beziehungsfähig werden

Nach den Sicherheitsbedürfnissen folgen bei Maslow soziale Bedürfnisse.

Bei diesen geht es darum, gute Beziehungen aufzubauen und soziale Rollen einzunehmen. Der Aufbau in Pyramidenform erweckt den Eindruck, als müssten erst die Sicherheitsbedürfnisse gestillt werden, bevor die sozialen Bedürfnisse dran sind. Doch tatsächlich glauben wir vielmehr, dass die sozialen Bedürfnisse vielmehr den Sicherheitsbedürfnissen gleichgestellt werden können. So sieht es auch die Transaktionsanalyse, die das Bedürfnis nach Anerkennung auf der gleichen Ebene wie das Sicherheitsbedürfnis sieht.

Ein Baby sucht von Anfang an den Kontakt zur Mutter. Wenn das Kleine bemerkt, dass es allein ist, fängt es an zu schreien. Mit diesem sogenannten Bindungsverhalten fordert es die Eltern auf, in Kontakt zu treten. Bekommt ein Kind keine Aufmerksamkeit, stirbt es.

Wir alle wollen auf der Maslowschen Bedürfnispyramide weit oben mitspielen. Es geht unserer Ansicht nach vielmehr darum, die Qualität der unteren Stufen zu verbessern. Transzendenz und Selbstverwirklichung sind toll. Doch wir glauben, dass Sicherheits- und Sozialbedürfnisse oftmals noch viel zu schwach ausgeprägt sind, um ein stabiles Pyramidenfundament für höhere Bedürfnisse zu bilden. Das erinnert eher an einen Tannenbaum.

Verbesserst du die Qualität der Sicherheits- und Sozialbedürfnisse, stabilisierst du etwas Fundamentales. Urvertrauen kann sich bilden. Durch mehr Sicherheit und stabile, freudvolle Beziehungen gewinnst du zusätzliche Energie, die du schrittweise auf dem Weg zur Selbstverwirklichung einsetzen kannst. Tatsächlich sind die unteren Stufe der Bedürfnispyramide da, um Energie für die höheren Level bereit zu stellen. Doch viele Menschen reiben sich in ihren beruflichen und privaten Beziehungen auf. Die Sicherheits- und soziale Ebene bedeuten eher Stress als Stütze. Mut ist gefragt, diese Zustände zu ändern. Indem du den Gebrauchswert dieser beiden Bedürfnisse erhöhst, kannst du viel Energie sammeln. Du schaffst dir ein solides Fundament für Weiteres.

  • Robin war damals in einer Beziehung mit viel Drama. Sie und ihr damaliger Partner erschöpften sich im Streit. Sie hatten dadurch nur noch wenig Energie für freudvolle Dinge. Gleichzeitig waren die ständigen Reibereien ein willkommener Punkt, um von den eigenen Schwächen abzulenken und nicht mutig auf sich schauen zu müssen. Auf der Arbeit dachte Robin noch an die Streitereien von Zuhause und war deswegen nicht ganz bei der Sache. Das hatte wiederum Auswirkungen darauf, wie ihre Kollegen sie wahrnahmen. Unter dem Tisch noch schnell den Streit per Whatsapp weitergeführt, bekam Robin im Meeting nur die Hälfte mit. Entsprechend sahen ihre Arbeitsergebnisse aus.

Robins Bedürfnis nach Anerkennung war durch den Stress mit ihrem Partner gedeckt. Selbst, wenn das auf negative Weise geschehen ist. Die Devise lautet: Lieber negative Aufmerksamkeit als keine Aufmerksamkeit. Indem Robin das Bedürfnis nach Anerkennung qualitativ entwickelt, kann sie Freude und Energie erhalten, statt draufzuzahlen. Das kann sie schaffen, indem sie reinen Tisch macht und mutig ihre Beziehungsfähigkeiten entwickelt. Ihr Bedürfnis nach Anerkennung bleibt bestehen.

Stell dir vor, du könntest dich mit deinem Partner über deine tiefsten Gefühle und Ängste austauschen. Dein Partner würde verständnisvoll reagieren und ihr hättet die Fähigkeit, Meinungsverschiedenheiten gewinnbringend zu klären. Du hättest deine Freiheiten und könntest auch mal ein Wochenende mit Freunden verbringen, ganz ohne Drama. Stell dir vor dein Partner unterstützt dich in deinen Vorhaben und ist bei Problemen für dich da. Er missbraucht sein Wissen über deine Unsicherheiten nicht, sondern unterstützt dich beim Wachsen. Das gleiche tust du für ihn.

Aus einer solchen Beziehung würdest du mehr Energie gewinnen, als du reinsteckst. Statt lediglich das Grundbedürfnis nach Anerkennung zu befriedigen, hättest du eine höhere Stufe der Beziehungsfähigkeit entwickelt. Wo bei anderen Energie gebunden ist, das Bedürfnis nach Anerkennung zu stillen, hast du dir eine Ressource geschaffen, die dir zusätzliche Energie gibt. Gleichzeitig steigt das eigene Zufriedenheits-Level.

Das gleiche gilt auch für Struktur/Sicherheit. Die kannst du auch entwickeln, so dass sie dir Energie zukommen lässt. Ein einfaches Beispiel dafür ist der Ansatz der Stoiker aus dem antiken Griechenland. Statt sich von Schicksalsschlägen niederschlagen zu lassen, fragten sie sich: “Wofür ist das gut?” An dieser Stelle sei gesagt, dass dieser Ansatz sehr vereinfacht dargestellt ist. Er soll lediglich verdeutlichen, wie mit einer Strukturänderung von “ich armes Würstchen” zu “wie kann ich das nutzen” Energie erzeugt, statt abgezogen werden kann. Die entwickelte Form des Bedürfnisses nach Struktur ist Flexibilität.

Um deine Sicherheits- und Sozialbedürfnisse zu entwickeln, brauchst du Mut. Es gilt Altbekanntes in Frage zu stellen und sich Neuem zu stellen. Das kann für ziemlich wacklige Knie sorgen. Der Einsatz lohnt sich.

Individualbedürfnisse/ Selbstverwirklichung/Bedürfnis nach Stimulation

Wir alle tragen eine angeborene Neugier in uns. Als kleine Kinder schauen wir uns ständig nach Neuem um. Wir wollen erforschen und verstehen. Unsere Nerven suchen nach Stimulation. Dieser natürliche Antrieb gibt uns die Motivation, laufen und sprechen zu lernen. Sonst würden wir einfach weiter herumliegen und Babysprache sprechen. Bei einem Prozentsatz der Menschen, wird dieser natürliche Antrieb durch die Eltern und das Umfeld später gehemmt: “Sei nicht so neugierig!” Der Lehrplan in der Schule behandelt Dinge, die uns mitunter überhaupt nicht interessieren. Der natürliche Antrieb muss unterdrückt werden. Stattdessen muss mit viel innerem Zwang dem Unterrichtsstoff gefolgt werden. Disziplin entsteht, indem wir uns innerlich maßregeln: “Ich muss zur Schule!” “Ich muss zum Sport!” Dadurch kann der natürliche Eigenantrieb verschütt gehen, der sagt: “Ich will was Neues lernen.” “Ich will mich bewegen.” Das hat eine ganz andere Qualität von Leichtigkeit und freiem Willen statt inneren Zwang.
Ist es verloren gegangen, kann man es sich das zurück erobern.

  • Wenn Robin lernen mit Zwang verbindet, kann sie es neu lernen, indem sie bewusst darauf achtet, wie sie sich Lerneinheiten leicht und mit Freude gestalten kann. Daniele hat festgestellt, dass er durch lesen und hören allein keine Freude am lernen hat. Er nimmt sich lieber ein wenig mehr Zeit und malt Comics zum Lernstoff. Das bereitet ihm Freude. Außerdem versteht er den Stoff besser. Er hat seinen Zugang zum Lernen wiedergefunden.

Unser Grundbedürfnis nach Stimulation bleibt uns immer erhalten. Wird dieses Bedürfnis nicht zum Erforschen von Neuem verwendet, sucht er sich andere Kanäle. Ingo streitet mit seinem Partner, Anette schaut sich gern Horrorfilme an und Claudia arbeitet zu viel. Du kannst dein Bedürfnis nach Stimulation spüren, wenn du einfach einmal versuchst nichts zu tun. Dir wird langweilig und du verspürst den Drang, etwas zu tun. Dein Grundbedürfnis nach Stimulation meldet sich.

Je besser du deine Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Beziehung befriedigen kannst, desto mehr Energie wird frei für Selbstverwirklichung. Mut ist dafür ein wesentlicher Faktor. Deswegen beziehen sich die meisten Beispiele in diesem Buch auch diese beiden Ebenen. Die Bedürfnisse nach Struktur und nach Anerkennung kannst du als Sicherheitsbedürfnisse betrachten. Sie geben dir Halt. Denn auch in Beziehungen suchen wir neben Begegnung letztendlich auch nach Sicherheit. Das hat mein Kollege Bernd Taglieber einmal schön herausgestellt. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön!

Das Bedürfnis nach Stimulation ist mit Risiko verbunden. Denn wenn du Neuland betrittst, können unerwartete Dinge eintreten. Wenn Daniele sich streitet, ist das auch risikobehaftet.

Wenn du anfängst, mutig für dich einzustehen, erlebst du das Spannungsfeld zwischen Risiko und Sicherheit. Diese kennt der Volksmund als die Redensarten:

“Schuster, bleib bei deinen Leisten”  vs. “Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.”

Woran solltst du dich orientieren? Sollst du Schuster bleiben und wagen? Die Antwort liegt für uns in beidem. Bewahre das, was sich als gut erwiesen hat und wage an den Stellen, wo du unzufrieden bist oder du dir Gewinn versprichst.

Jetzt hast du eine erste Idee davon gewonnen, welche Bedürfnisse Menschen haben und wie du langfristig zu mehr Zufriedenheit gelangen kannst. Du könntest zunächst die Qualität der unteren Grundbedürfnisse erhöhen. Das machst du automatisch, indem du dir selbst vertraust und mutig für dich einstehst. Von bloßem bemerkt werden zu tiefen Beziehungen und vom automatischen Reagieren einfacher Strukturen hin zur flexiblen Wahl eines hochwertigen Weltbildes.

Zusammenfassung

Die Bedürfnispyramide gibt uns einen Überblick über menschliche Bedürfnisse: körperliche Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse, soziale Bedürfnisse, Individualbedürfnisse, Selbstverwirklichung, Transzendenz

  • Verschiedene Bedürfnisse überlappen sich gegenseitig
  • Wir befinden uns meistens in der Bedürfnispyramide tiefer als wir denken
  • Wenn wir keine Umwege mehr für Bedürfniserfüllung nehmen, wachsen wir schneller - das benötigt Mut
  • Wir glauben, dass es sinnvoll ist, die Sicherheits- und sozialen Bedürfnisse zunächst auszubauen
  • Zum Sicherheitsbedürfnis zählt auch das Bedürfnis nach Struktur
  • Wir brauchen Struktur für Handlungssicherheit
  • Bessere Strukturen bieten uns mehr Spielraum
  • Wir können uns durch Konzepte neue Strukturen für unbekannte Situationen schaffen - sie helfen uns, mutiger zu sein
  • Soziale- und Sicherheitsbedürfnisse stehen auf der selben Stufe
  • Es geht darum die Qualität der unteren Stufen zunächst qualitativ auszubauen
  • Bedürfnis nach Anerkennung kann sich zu Beziehungsfähigkeit entwickeln
  • Bedürfnis nach Sicherheit und Struktur kann sich zu Flexibilität entwickeln
  • Je besser du dein Sicherheitsbedürfnis und soziale Bedürfnisse befriedigst, desto mehr Energie bekommst du zur Selbstverwirklichung
  • Bewahre das, was sich als gut erwiesen hat und wage an den Stellen, wo du unzufrieden bist oder du dir Gewinn versprichst




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Mutig Grundbedürfnisse erfüllen
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Mutig Grundbedürfnisse erfüllen
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Was wollen wir Menschen eigentlich? Erfahre was du zum Leben brauchst und entwickle Mut deine Bedürfnisse wahrzunehmen und zu erfüllen.
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