• 15. Juni 2020

Mut Beispiele - Wozu braucht man mut?

Es gibt zahlreiche Situationen, in denen wohl viele von uns gern eine Extra-Portion Mut hätten:

… dazu kommen andere Herausforderungen, wie z. B. jemand Interessantes/Fremdes anzusprechen oder … woran denkst du gerade?

Im folgenden Artikel findest du 4 Mut Beispiele von Situationen, in denen man Mut braucht.

1. Für sich selbst sorgen


Shania absolviert gerade ein Praktikum.

Mittags geht sie mit ihren Kollegen in die Kantine. Doch beim Essen wird ihr regelmäßig langweilig. Die Gesprächsthemen öden sie an oder sie versteht sie nicht. Aber sie traut sich auch nicht, genauer nachzufragen, weil sie von den anderen nicht für dumm gehalten werden will. Also sitzt sie nur da und sagt nichts. Eigentlich möchte sie am liebsten aufstehen und noch einen Spaziergang machen. Aber sie fürchtet, dass die anderen sie dann komisch angucken oder über sie reden werden.

Während sie von außen betrachtet zwar ruhig und schweigsam dasitzt, rotiert ihr Gehirn. Sie fühlt sich unwohl. Doch was tun?

In einem unserer Mut-Seminare trägt Shania ihr Problem der Gruppe vor. Es wird klar, dass sie die ganze Zeit nach einem Sicherheitsanker sucht, einer Norm, nach der sie ihr Verhalten ausrichten kann. Aber sie findet nichts. Woran soll sie sich in der neuen, unbekannten Situation des Arbeitslebens orientieren? Durch den Input der Gruppe kommt sie auf die Idee, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse als roten Faden für ihr Verhalten wählen könnte.

Die Leitfrage dazu lautet:

„Was möchte ich in diesem Augenblick?“

Die Gruppe ermutigt sie, ihren Bedürfnissen mehr zu vertrauen. Shania gelobt, dass sie beim nächsten Mal nach dem Essen aufstehen wolle, um spazieren zu gehen, statt pflichtbewusst sitzen zu bleiben und den ihr nichts bringenden Gesprächen zu folgen.

Am nächsten Tag entschuldigt sie sich mittags mit unsicherer Stimme bei den Kollegen: Sie wollenoch spazieren gehen. Doch zu ihrer Überraschung nicken alle freundlich, keiner stört sich daran. Das verwundert sie.

Sie hat den Frust von vorher gegen zwei neue Gefühle eingetauscht: Unsicherheit und Verwunderung.

Und am übernächsten Tag bleibt Shania dann doch wieder sitzen. Aber nun nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Neugier. Denn dadurch, dass sie ihre Angst gestern überwunden hat, blickt sie nun selbst etwas gelassener auf ihre Kollegen – und heute erscheint ihr das Gesprächsthema sogar interessant. Sie traut sich, eine Frage zu stellen, obwohl ihre Wangen erröten, aus Sorge, für dumm gehalten zu werden. Und hier, wiederum überraschend für Shania, erfolgt eine wohlwollende Erklärung des Sachverhalts. Den Kollegen war einfach nicht präsent, dass sie über etwas redeten, das für einen Neuling nicht selbstverständlich ist.

Fazit


Shania suchte nach Normen im Außen, um sich korrekt zu verhalten. Jedoch gab es keine. Sie wertete ihre Interessen zunächst ab. Doch durch die Gruppe wurde sie ermutigt, auch auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen: „Was will ich in dieser Situation eigentlich?“ Trotz Unsicherheit wagte sie ihre Mutprobe.

Noch mehr Mut Beispiele findest du im Mutbuch:

2. Der Urangst ins Auge sehen


Martin berichtet:

Meine Eltern hatten ein Haus mit großem Garten in Waldnähe. Wenn sie nachts nicht da waren und es draußen richtig finster war, kam eine ganz schön gruselige Atmosphäre auf. Neben dem Grundstück führte zudem eine Gasse vorbei, in der immer mal wieder komische Gestalten herumlungerten und ihre Bierflaschen über den Zaun warfen.

Die Folge: In mir steckte eine Angst, die sofort aufploppte, wenn ich allein im Dunkeln war. Das wollte ich ändern und nahm mir vor, irgendwann nachts allein im Wald zu schlafen. Ich arbeite gern an meinen Ängsten, denn dann kann ich am meisten lernen!

Im Rahmen des Schreibprozesses zum Mutbuch entscheide ich mich für ein Experiment:

Und schon fahre ich nachts tief durch den Wald. Es ist dunkel und ich schalte die Scheinwerfer aus, die Zündung ebenso, fahre die Fenster herunter ...

... und grusele mich zu Tode!

Diese Geräusche, diese Dunkelheit, meine Angst sitzt tief. Meine Atmung geht schneller. Die Angst überkommt mich und übernimmt das Steuer.

Wortwörtlich: Nach nur zehn Sekunden fahre ich das Fenster hoch, lasse den Motor an und düse mit leicht dynamischer Geschwindigkeit aus dem Wald.

Ein Jahr später: Inzwischen habe ich durch das Arbeiten an verschiedenen Gefühlen wesentlich mehr Wissen und Erfahrungen beim Hinhorchen und Hinsehen zum Unangenehmen gemacht. Ich wieder-hole das Experiment:

Martin allein im Wald.

Ich schalte den Motor aus. Lasse mit pochendem Herzen das Fenster herunter. Mein Ziel: dreißig Atemzüge (ca. zwei bis drei Minuten) lang durch-halten und genau darauf achten, was passiert. Immer wieder überkommen mich mulmige Angst-Anflüge im Brustraum und Schauer, die meinen Nacken eisig massieren. Das Kribbeln läuft Wirbel für Wirbel über meinen Rücken hinab und will dabei mein Herz mit herunter in die Hose ziehen.

Es ist spannend, da spielt sich gerade ein Horrorfilm inmitten meines Körpers ab.

Und draußen ist es weiterhin ruhig. Ein wenig knistern die Bäume vom Wind, die Eule oder einanderer Vogel gurrt entfernt. Ich bin kurz in das Geräusch vertieft, vergesse eine Sekunde meine Angst.

Knacks! Irgendwo tapst ein Vieh durch den Wald. „Wahr-scheinlich ist es nur ein Hase“, denke ich mir.Hoffentlich ist es nur ein Hase!Ich bleibe dran. An meinem inneren Tumult. Beim zwölften oder dreizehnten Atemzug merke ich plötzlich, wie meine Gedanken an einer Erinnerung hängen und die Angst schleichend in den Hintergrund getreten ist.

... und dann, mit dem achtzehnten oder neunzehnten Atemzug, kommt das unangenehme Gefühl zurück.Ich beobachte weiter und sehe, dass mein Gefühl in Wellen kommt. Wieder etwas über mich gelernt. Mal ist es stark, nach ein paar Atemzügen wird es schwächer.Nun sind die dreißig Atemzüge (zwei Minuten ungefähr) vorbei und ich denke: „Huch ok, dann machst du halt nochmal zehn Atemzüge.“

Das Gefühl wird sanfter, es rutscht aus dem oberen Brustraum ein wenig mehr nach unten und nun kribbelt es im Hinterkopf. Die Angst verteilt sich viel gleichmäßiger und ist nicht mehr so punktuell-intensiv auf einer Stelle.

„Interessant“, denke ich mir, ohne das zu werten. Ich werde neugierig. Was wäre, wenn ich einfach mal kurz aussteigen würde? Ich schnalle den Gurt ab, mache das Licht aus und steige aus. Es passiert: Nichts. Ich lebe noch. Die Blätter säuseln wie zuvor. Im schwachen Mondschein gehe ich ein paar Schritte nach vorn.

BAM! Das Gefühl ist wieder da. Es will mich warnen: GEFAHR! Doch hier ist nichts. Ich kenne den Wald seit meiner Kindheit. „Die Wildschweine haben mehr Angst vor mir als ich vor ihnen“, denke ich mir beschwichtigend. Das hilft natürlich kaum. Aber was hilft, ist – du ahnst es – weiter zu spüren und zu atmen! Spüren, atmen, Angst.

Schrittweise taste ich mich vor, fühlend, beobachtend, innerlich achtsam. Am Ende traue ich meinem Mut kaum: Ich habe es hundertfünfzig Meter bis zur nächsten Kurve ge-schafft! Ich blicke aufs Auto. Es fühlt sich ungewohnt an, nachts allein im Wald zu stehen. Doch es geht. Mein Angstgefühl ist deutlich geringer als am Anfang.

Nun kommt eine soziale Angst auf à la: „So etwas macht man doch nicht.“ Wenn jetzt jemand durch den Wald fährt und mich sieht, denkt er sicher, was ich denn für ein Pervers-ling bin, dass ich mich nachts so allein im Wald herumtreibe. Da ich aber durch die Beobachtung meine Angst unter Kontrolle habe und nicht mehr sie mich kontrolliert, kann ich nun auch klarer sehen, dass die Angst unbegründet ist – es ist ja niemand hier! Und wenn, könnte ich ihn ja auch fragen: „Was machst DU denn hier nachts allein im Wald?“

Nun passiert etwas Unerwartetes: Ich freue mich. Ich rieche plötzlich den holzigen Geruch des Waldes. Herrlich! Ich bin nun schon über zehn Minuten hier und denke mir: „Es reicht erstmal.“ Ich laufe zurück, und kurz vor meinem Ziel kommt noch einmal eine Angstwelle, dieser Fluchtreflex, hoch.

„S P Ü R E N und beobachten“, denke ich mir.

Mehr zu Martins Technik findest du hier

Meine Moral der Geschichte


Ich habe durch das Experiment ziemlich deutlich gemerkt, dass ich meine Gefühle besänftigen kann, wenn ich mich ihnen wohlwollend zuwende. Es war unangenehm zu Beginn – doch machte es mich sehr viel gelassener am Ende. Spannend fand ich zu beobachten, dass die Angst in Wellen kommt und geht und langsam abebbt.

Am Ende aber passierte etwas wirklich Wundervolles: Ich tuckerte mit der gewonnenen Entspannung ganz langsam, fast meditativ, und nur mit Abblendlicht durch den Wald zurück, um den Holzgeruch noch etwas zu genießen. Und plötzlich stand zehn Meter vor mir ein Reh und schaute mich mit seinen großen Augen an ...

... dann lief es unbeeindruckt weiter. Wow! Ein Reh aus allernächster Nähe in freier Wildbahn zu beobachten, welch eine schöne Belohnung für die Auseinandersetzung mit meiner Angst! Indem sich meine Angst zurückschraubte, wurde ich harmonischer mit meiner Umgebung, so dass auch diese sich nicht ängstlich zeigte. Klingt ein wenig esoterisch, ist aber ein schönes Learning für mich.


3. Sich in Demut üben


Steffen berichtet:

Ich war mit einem Freund in Indonesien und wollte dort auf Bali den Vulkan Agung besteigen, der mit 3.100 Metern Balis höchste Erhebung ist. Der Aufstieg beginnt um 3 Uhr nachts, damit wir zum Morgengrauen den Gipfel erreichen und den Sonnenaufgang genießen können. Wir sind eine kleine Gruppe: Vier Männer, eine Frau. Es geht steil bergauf, alle geben ihr Bestes. Doch die Frau stößt beim steilen Nachtaufstieg an ihre Grenzen und fällt ständig zurück. Wir müssen uns immer wieder ihrem Tempo anpassen und warten. Das nervt mich.

„Ich will den Sonnenaufgang nicht verpassen“, denke ich mir! Zudem bin ich, von der Bundeswehr kommend, ein straffes Marschtempo gewohnt. In meinem Kopf höre ich schräge Gedanken wie: „Warum bucht die überhaupt so eine Tour, wenn die so unfit ist?“ „HALT, STOP!“

Ich unterbreche bewusst den Gedankengang. Denn ich merke, dass ich aus einer Haltung heraus agiere, die mir nichts nützt. Indem ich andere als Schuldige abstemple, helfe ich mir selbst kein Stück weiter. Ich hadere mit der Situation. Wenn ich meinen unangemessenen Frust zur Sprache bringen würde, könnte das die Gruppenatmosphäre zum Kippen bringen.

Ich lasse mich ans Ende der Gruppe fallen und überlege, wie ich die Situation neu bewerten kann. Bis dahin ging ich immer kurz hinter dem Tourguide. Ich werde mich aus meiner überheblichen Haltung gesundschrumpfen und eine De-Mutprobe machen. Schrumpfen ist etwas, das die meisten Menschen überhaupt nicht gernhaben. Ich auch nicht. Lieber will ich der Starke sein, der allen überlegen ist. Doch bisher hat es mir nichts als Leid oder schlechte Stimmung gebracht.

Ich versuche, die Situation neu zu bewerten, indem ich mich in die Frau hineinversetze:

„Wie würde ich hier am Berg performen, wenn mich Mutter Natur mit dem gleichen Körper wie dem der Frau ausgestattet hätte? Wie lang wären meine Schritte, wenn ich 20 cm kleiner wäre? Wie würde ich mich anstellen, hätte ich nicht jahrelang bei der Bundeswehr Märsche mitgemacht?“ 

Ich würde wahrscheinlich auch Mühe haben, mit uns langen Kerlen mitzuhalten. Und ich wäre dankbar, wenn es da keinen Nörgler gäbe, der mit seiner schlechten Laune meinen ohnehin schon anstrengenden Aufstieg noch zusätzlich belasten würde.

Auf einmal bekomme ich Mitgefühl mit der Frau. Ich kann genau beobachten, wie sie bemüht und konsequent einen Schritt nach dem anderen geht. Sie beklagt sich nicht. Sie trägt ihr Gepäck allein. Sie geht in ihrem Rhythmus.

Respekt!

Ich halte an und schaue nach oben. Über mir der Sternenhimmel mit tausenden hell leuchtenden Sternen. Es gibt keine Lichtverschmutzung. Nur das Geräusch von ein paar Schritten liegt in der Luft. Ansonsten herrscht die vollkommene Stille der Nachthöhe. Und dann sind da diese Nacht und dieser Himmel! Ich fühle mich beschenkt von der Schönheit des Moments. Ich könnte diese unfassbare Weite des Himmels gar nicht wahrnehmen, wenn wir nicht so gemächlich laufen würden.

Plötzlich bin ich dankbar. Dankbar für diesen Moment. Er ist ein Geschenk. Es gibt nur wenige Menschen, die einen solchen Himmel zu sehen bekommen. Und möglich gemacht hat das ein scheinbares Hindernis, das mich vor meiner Demutsübung noch total aufgeregt hat. Diese Frau ermöglichte mir, das auch wahrzunehmen.


Steffens Fazit


Meine arroganten Gedanken haben mir in der Vergangenheit nichts als Ärger eingebracht. Als ich sie bemerkte, nahm ich mir eine Auszeit, indem ich mich ans Ende der Gruppe fallen ließ. Ich stellte meine Gedanken infrage. Das half mir, von meiner überheblichen Position herunterzukommen. Indem ich mich in die Frau hineinversetzte, kam ich in Kontakt mit meinen Gefühlen, statt mir weiter schräge Geschichten zu erzählen. Empathie. Das half mir, den weiteren Aufstieg zu genießen.

"Ich brauche De-Mut, um mich aus meiner übersicheren Arroganz auf Augenhöhe zuschrumpfen. Das Bringt mich in Kontakt mit den schönen Seiten des Lebens."


4. Seine Meinung sagen


Carmen arbeitet in einem Büro. Ihre Chefin sitzt ihr gegenüber und verbreitet oft schlechte Laune in Form von Sticheleien.

Im Nachhinein hat sich schon oftmals herausgestellt, dass es gar nicht um Carmen ging, sondern dass der Frust aus dem Privatleben der Chefin stammte.

Bisher hatte Carmen die negative Atmosphäre ausgehalten und den Ärger aus dem Büro mit nach Hause genommen. Aber sie merkt, dass sie die Nase voll davon hat. Sie will nicht mehr klein beigeben. Einfach mal der Chefin die Meinung sagen: Sie möge bitte ihre privaten Probleme und die der Arbeit besser voneinander trennen und ihre schlechte Laune nicht immer im Büro rauslassen.

Aber warum hatte Carmen ihrer Chefin das so noch nicht gesagt? Na klar, sie macht sich Sorgen. Zum einen hat Carmen Angst vor sich selbst, dass sie die Beherrschung verlieren könnte. Sie könnte sich hineinsteigern und dann ihrer Wut mal richtig freien Lauf lassen. Denn die Sticheleien und die miese Laune der Chefin hatte sie nun schon eine ganze Weile ertragen.

Außerdem befürchtet Carmen, dass ihre Mutprobe zu dauerhaft schlechter Stimmung führen könnte. Sie will nicht, dass die Chefin denkt: „Was ist denn mit der jetzt los? Die ist ja gar nicht mehr nett. Wo ist denn meine liebe Mitarbeiterin hin?“ Dieses Image will Carmen nicht verlieren. Sie will nicht als streitlustig dastehen. 

Carmen beschließt, etwas zu tun, aber sich vorher gut vorzubereiten. Sie macht eine Kosten-Nutzen-Analyse .

Sie überlegt:

„Was will ich erreichen und warum will ich es erreichen? Und was will ich dafür einsetzen? Wie wichtig ist mir eigentlich die gute Stimmung im Büro? Und wie wichtig ist es mir, gut dazustehen?“

Sie überlegt weiter:

„Ist es vielleicht auch hilfreich, einen Konflikt auszutragen, um hinterher gut weiterarbeiten zu können? Hilft es, ein reinigendes Gewitter zu riskieren?“

Sie entschließt sich, das Problem anzusprechen. Aber in einem guten Ton. Als Nächstes überlegt Carmen, welche Rahmenbedingungen für das Gespräch geeignet wären:

„Wo mache ich das? Wann mache ich das? Warte ich auf den nächsten Knall oder suche ich eine ruhige Minute während der Pause?“

Für Carmen wird klar, dass sie mehrere Szenarien planen muss. Deswegen überlegt sie sich, wie sie in einer ruhigen Situation, zum Beispiel in der Kaffeepause, ihre Mutprobe durchführen könnte. Aber sie durchdenkt auch eine Akutsituation, wenn die Chefin miese Stimmung verbreiten und Carmen beschuldigen würde. Auf diese Weise ist sie auf alles vorbereitet.

Carmen legt eine gedankliche Grenze fest, die zukünftig nicht mehr überschritten werden soll. Sie will sich nicht mehr verbiegen, nur um Wogen zu glätten, die nichts mit ihr zu tun haben.

Als Carmen nach einer schweren Erkältung wieder zur Arbeit kommt, gibt es extrem dicke Luft. Alle anderen auf der Arbeit werden von der Chefin herzlich begrüßt. Nur Carmen bekommt ein verkniffenes „Guten Morgen“ von der Chefin entgegengebracht. 

Nachmittags bittet die Chefin um ein Gespräch, um die weitere Arbeit zu planen. Zuerst fragt sie, wie es Carmen geht und ob wieder alles paletti sei. Doch schnell schlägt die Stimmung um und es kommt der Vorwurf, dass Carmen eine schlechte Kollegin sei, weil sie die Chefin mit der ganzen Arbeit allein gelassen hätte.

Durch diesen Angriff fällt Carmen zunächst reflexartig in ihr altes Muster zurück und spürt innerlich die Last, die die Chefin ihr gerade übergestülpt hat. Sie glaubt, dass sie an allem schuld sei: An der schlechten Stimmung im Büro und dass die ganze 123 Arbeit an der Chefin hängen geblieben ist. Carmen spürt den Druck, dass sie sofort eine Lösung für all diese Probleme finden müsste.

Doch dank der intensiven Vorbereitung besinnt sie sich und bekommt die Kurve. Sie hatte so ein Szenario glücklicherweise schon durchdacht und kann sich das nun wieder in Erinnerung rufen. Die vorbereiteten Gedanken und Argumente helfen ihr, etwas aufmerksamer und gefasster zu bleiben.

Dann äußert sie ganz klar und beherrscht ihre Meinung:

„Ich glaube nicht, dass Ihr Frust direkt etwas mit mir zu tun hat. Ich nehme an, dass das von woanders herkommt und ich Ihr Blitzableiter bin.“

Carmen sagt auch, dass sie sich mit einer solchen Erkältung natürlich wieder krankschreiben lassen würde. Denn es ginge dabei um ihre Gesundheit und die wäre ihr wichtiger als das Unternehmen und die Befindlichkeiten der Chefin.

Die Chefin beschimpft Carmen daraufhin als unkollegial und engstirnig. Währenddessen sagt sich Carmen:

„Das muss ich jetzt einfach aushalten, um zu mir und meinen Bedürfnissen zu stehen.“

Derlei Angriffe standen bereits auf der vorbereiteten Kostenliste. Gedanklich macht sie einen Haken an diesen Kostenpunkt:

„Mir Vorwürfe von meiner Chefin anhören? Bezahlt. Das ist es mir wert.“

Auch nach dem Gespräch bleibt die Stimmung angespannt. Wieder ein Punkt, der zu erwarten war und deswegen auf der Kostenliste steht. „Bezahlt.“ Sie lässt sich nicht mehr von der schlechten Laune ihrer Chefin beeinträchtigen.

Am nächsten Tag geht sie mit einem guten Selbstgefühl wieder zur Arbeit. Sie hat ihre eigene Stimmung von der schlechten Stimmung der Chefin entkoppelt. Seitdem ist das Verhältnis zwischen den beiden wesentlich besser! Carmen hat ihre Grenze aufgezeigt. Sie hat jetzt auch keine Angst mehr vor der nächsten Stimmungsschwankung, weil sie nun weiß, wie sie damit umgehen kann.


Fazit


Carmen ist einem Konflikt mit ihrer Chefin anfangs aus dem Weg gegangen. Die Kosten dafür waren hoch: schlechte Stimmung, Selbstabwertung, bloßes Aushalten. Dann hat sie sich vorbereitet, indem sie Argumente sammelte, Gelegenheiten zum Ansprechen ins Auge fasste, mögliche Reaktionen der Chefin durch dachte und eventuell auftretende Konsequenzen berechnete.

Carmen stand zu sich, indem sie eine innere Grenze zog, die nicht mehr von der Chefin überschritten werden durfte. Das Arbeitsklima ist nun deutlich besser. Zudem ist Carmens Selbstwertgefühl gestiegen. Sie wird sich zukünftig nicht mehr auf diese Weise behandeln lassen.


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