Lebensskript – Der unterschätzte Einfluss von Familie

Alle paar Jahre kommen wir an Wendepunkte, an denen man sich entscheiden muss, wie es weitergeht. Steile Karriere? Heiraten? Kinder? Im Job bleiben oder wechseln? Noch einmal neu orientieren? Doch noch studieren? Weltreise? Solche Wendepunkte sind ebenfalls Punkte, an denen dein Lebensskript besonders aktiv sein kann.

Lebensskript – Die Entscheidung

2015 ist für mich ein echtes Weichenjahr. Ich werde nach über elf Jahren Dienstzeit bei der Bundeswehr aufhören, meine Wohnung kündigen, den Großteil meiner Sachen verkaufen und eine Weltreise beginnen. Eine schwerwiegende Entscheidung, die bei mir auch Angst auslöst. Wie steht es mit dem Geld? Wie fasse ich Fuß, wenn ich zurückkomme? Was wird dann überhaupt aus mir? Um Klarheit darüber zu erlangen habe ich mich entschlossen einmal inne zu halten. Denn unser Lebensskript können wir beeinflussen.

Ich entschied mich für eine Visionssuche. Bei einer solchen bleibt man für mehrere Tage ohne Essen und nur mit Wasser und dem Nötigsten allein in der Natur und wartet auf eine „Vision“ (Antwort) auf eine zuvor erarbeitete Frage.

Hungernd auf der Weide sitzen

Ich fuhr zu meinem Freund Wolfgang in die Nähe von Kiel. Wolfgang ist von Beruf „Schamane“. Abends errichtete ich ein Feuer, so groß, dass es auch in drei Metern Entfernung noch unangenehm heiß war. Während es herunterbrannte sprach ich mit Wolfgang über meine derzeitige Lebenssituation und über das, was bei mir ansteht. Nach und nach kamen wir zum Kern dessen, was mich beschäftigte: „Was muss getan werden, damit es ein gutes Leben wird?“ Das war die Frage. Mit einem Gang durch die heiße Glut meines zuvor selbst errichteten Feuers zog ich mich zu meinem Visionssuche-Platz zurück. Es war eine klare Vollmondnacht. Maximal fünf Tage würde ich dort bleiben. Wenn meine Vision eher käme, konnte ich auch eher aufhören. Fünf mal zehn Meter blieben mir in den nächsten Tagen, um mich zu bewegen.

Mein Platz der Visionssuche

Mein Platz der Visionssuche

Ich durfte meinen Platz nicht verlassen. Fuchs, Hase, Kühe und Pferde grüßten mich vom weiten und ich saß da – inzwischen ausgeschlafen, gelangweilt und hungrig; ohne Buch, ohne Uhr, nur mein Zelt und Wasser. Meine Hände und Füße wurden durch das Fasten nicht mehr warm. Schlafen ging also auch nicht mehr gut. Einmal täglich kam Wolfgang vorbei, um nach mir zu sehen. Ständig stellte ich mir die Frage: „Was muss getan werden, damit es ein gutes Leben wird?“ Ich sang sie, betete sie stoisch vor mich hin, bis mir am dritten Tag die Vision erschien.

Kühe bilden nachts zum Schlafen einen Schutzkreis. Ich hatte das Glück nachts zwischen ihnen liegen zu können. Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn eine Kuh drei Meter von Dir entfernt schläft.

Kühe bilden nachts zum schlafen einen Schutzkreis. Ich hatte das Glück nachts zwischen ihnen liegen zu können. Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn eine Kuh drei Meter von Dir entfernt schläft.

Lebensskript – „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Am dritten Tag kam mir meine Vision: „Du musst zu Deinem Großvater gehen.“ Was soll ich? Kein „Ich muss an mich selbst glauben“ oder andere Selbstbeweihräucherung. Etwas ganz Konkretes sollte getan werden. Ich verstand es zunächst nicht richtig, doch merkte ich, wie diese Vision mich im Tiefsten berührte. Mein Großvater ist der Einzige aus meiner Familie, der sich nach einem überstandenen Krebs erlaubt hatte, das Leben zu genießen. Genießen? Das war bisher nicht so mein Ding. Hart arbeiten, das kann ich, aber genießen? Ich bemerkte, wie ich mir selbst mein ganzes Leben verboten hatte richtig zu genießen. Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit fürchterlich darüber zu weinen. Die auf der Weide befindlichen Kühe kamen währenddessen zu meinem Platz und sahen mich einfach nur an – ruhig und mit präsenz. Ich weinte so heftig, dass mein ganzer Körper durch die Hyperventilation verkrampfte und ich mich nicht mehr bewegen konnte. Ich konnte mich einfach nicht mehr rühren.

Die Suche war beendet. Ich beruhigte mich und allmählich lösten sich auch die Verkrampfung meines Körpers auf. Nach zweieinhalb Tagen auf der Weide hatte ich meine Vision und war sehr glücklich darüber. Ich hatte nun die Möglichkeit mein Lebensskript umzuschreiben.

Das Treffen und die Erlaubnis

Drei Wochen später besuchte ich meinem Großvater und wir gingen in einen nahegelegenen Tierpark. Dort hatten wir Zeit zum Reden. Wir kennen alle die dahin gesagten Floskeln und guten Ratschläge, die uns unsere Mitmenschen gern und ungefragt mit auf den Weg geben. Der Unterschied zu einer Lehrstunde liegt in der Person, die es einem sagt. Eine Floskel kann für mich zu einer tiefen Wahrheit werden, wenn der Sprecher sie mit Substanz füllen kann.

Ich frage meinen Großvater: „Opa, wie genießt man?“ „Nun ja…“ sagte er in einer vor sich hinsprechenden Stimme: „Man muss es einfach nur wollen.“ Aha, so einfach, ja? „Steffen, man darf das Leben nicht so ernst nehmen. Was habe ich denn außer gutem Essen oder ab und zu einem guten Wein? Familie ist wichtig. Das sind die Dinge, die mein Leben ausmachen. Guck mal, ich hatte Krebs und ich lebe immer noch. Aber es könnte auch schnell vorbei sein. Deswegen versuche ich jeden Moment zu genießen.“ Ich erinnerte mich, dass ich mir eine solche Art von Genuss bisher nicht gestattet hatte und fing an zu weinen. Großvater klopfte mir väterlich auf den Rücken. Mit zittriger Stimme fragte ich ihn, ob es für ihn okay wäre, wenn ich auch so genießen würde wie er. Er gab mir seinen Segen. Es fühlte sich für mich an, als stellte sich mein Großvater hinter mich – also rückenstärkend.

Doch was ist jetzt anders? Konkret kann ich es noch gar nicht genau sagen. Ich merke, dass ich die Erlaubnis für ein genussvolles Leben habe. Prinzipiell können wir das alle. Doch macht es für mich einen Unterschied es auch fühlen zu können, dass es so ist. Ich habe meinen Segen erhalten. Wir sind doch nicht nur eigenständige Lebewesen, die autark entscheiden, sondern wir sind auch immer unsichtbar mit unseren Ahnen verbunden. Bekommt man den Segen nicht, ist viel Arbeit notwendig, um die Familienflüche zu brechen. Meiner war: „Arbeite hart und genieße nicht“. Die Transaktionsanalyse nennt das in seinem Lebensskript – Konzept: „Einschärfungen“. Mein Großvater hat es geschafft sie zu brechen und sich selbst erlaubt sein Leben in vollen Zügen zu genießen. Diese Erlaubnis habe ich nun auch.

Mein Großvater und ich

Mein Großvater und ich

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Lebensskript - Der unterschätzte Einfluss von Familie
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Lebensskript - Der unterschätzte Einfluss von Familie
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Alle paar Jahre kommen wir an Wendepunkte, an denen man sich entscheiden muss, wie es weitergeht. Das Konzept des Lebensskripts in der Anwendung.
Steffen Raebricht
Steffen Raebricht
Transaktionsanalyse-online
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8 comments
Boris says 23. Juni 2015

Hallo lieber Steffen,
dies ist ein außergewöhnlich toller und bewegender Text, der einem zu denken gibt, der einen überlegen lässt und sich bewusst werden lässt, das sich die Suche nach Antworten lohnt – egal auf welche Weise man sucht. Ich finde dich und deine Art sehr mutig und beeindruckend. Ich wünsche dir für deine Zukunft alles Gute und das du stets deine Antworten auf deine Fragen findest. Ich freue mich mit dir befreundet zu sein und hoffe auf ein baldiges Wiedersehen!
Liebe Grüße nach Berlin,
Boris

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    Steffen says 23. Juni 2015

    Hey Boris, danke für Deine lieben Worte. Bis bald wieder.

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Viola says 23. Juni 2015

Schön!

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Steffi says 24. Juni 2015

Lieber Steffen,

Wem fällt es einfach zu genießen? Wie viel kämpft man dafür zu genießen? Ohne direkt als Faul bezeichnet zu werden?
Ich hab meine Mühe damit. Vor allem jemd anderen dies zu zeigen…
Ich freue mich sehr für dich und sehe deinen Erfolg als weiteren Ansporn es weiter zu versuchen.

Danke für deinen sehr schön geschriebenen und bewegenden Text aus deinem Leben!

Wir freuen uns auf euch :)
Lg Steffi

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    Steffen says 24. Juni 2015

    Hallo Steffi, danke für Deinen Kommentar. Ich denke Genießen hat mit Achtsamkeit im Moment zu tun. Ich schaffe es mehr und mehr, indem ich mir selbst erlaube den schönen Anteil des Moments an mich heran zu lassen und mich frei von der Meinung Anderer mache. Du hast schon Recht, einfach ist es nicht. Und ich finde es lohnt sich daran ausdauernd zu arbeiten. Liebe Grüße

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Wolfgang says 24. Juni 2015

Lieber Steffen,
schön, daß Du so ehrlich in deinen Ausführungen bist. Nicht geschönt, einfach so wie es war.
Nackt und einfach. Die Wahrheit heilt.

Herzgruß nach Berlin
Wolfgang

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    Steffen says 24. Juni 2015

    Oh, vielen Dank für Deine lieben Worte. Lieber Gruß zurück

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