Das schwierige Gefühl der „Ohnmacht“ – sind wir ohne Macht?

Dieser Beitrag ist der erste Teil des großen Themas „Macht“. In den nächsten Wochen beschäftigen wir uns noch mit den Themen Kontrolle und verschiedenen Seiten von Macht. Heute geht es erst einmal um Ohnmacht.

Ohnmacht ist ein schwieriges Gefühl, dass wir häufig lieber wegdrücken als uns mit ihm auseinanderzusetzen.

Was ist Macht?

Bevor wir mit diesem schwierigen Gefühl einsteigen, lass uns klären, wie ich Macht definiere: “Macht ist die Fähigkeit etwas mit Hilfe unseres Willens zu beeinflussen.”

Wir erleben das Gefühl von Ohnmacht vor allem bei Verlust oder wenn wir von ihm bedroht sind. Häufig ist es mit einem Verlust an Beziehung verbunden. Das bedeutet, dass wir in irgendeiner weise Distanz zu einem anderen Menschen aufbauen. Es taucht auf, wenn andere sich entgegen Deines Willens Ablösen oder eine Situation sich Deiner Kontrolle entzieht.

Beispiele für erlebte Machtlosigkeit:

  • der unerwartete Tod eines Angehörigen oder Freundes
  • schwere Krankheiten und Unfälle bei Dir oder bei anderen
  • Du wirst gemobbt und weißt nicht warum
  • wenn sich ein Angestellter der Willkür seines Chefs ausgesetzt sieht
  • wenn ein Chef den Eindruck hat, nicht mehr Herr der Lage zu sein und seine Mitarbeiter ihm auf der Nase herumtanzen
  • von seinem Partner verlassen werden
  • Älter werden – der Verlust der Jugend

Der Film „Die Jagd“ mit Mads Mikkelsen zeigt, wie man unverschuldet in eine ohnmächtige Situation geraten kann. In diesem Film spielt er einen Kindergärtner. Die Tochter seines besten Freundes im Kindergartenalter beschuldigt ihn grundlos sexuell übergriffig geworden zu sein. Auf die sich daraufhin entwickelnde Situation hat er keinen Einfluss mehr. Er wird suspendiert, sein Hund wird vergiftet, er wird verfolgt und schließlich festgenommen. Egal was er tut, er ist ohnmächtig. Keiner glaubt ihm. Als ich den Film schaute fühlte ich die Ohnmacht des Hauptdarstellers. Hier ist der Trailer:

Auslösende Situationen

Das Gefühl von Ohnmacht kann schon durch sehr einfache Situationen ausgelöst werden. Vielleicht meldest Du Dich in Gruppen nicht zu Wort, obwohl Du eigentlich auch gern einmal im Mittelpunkt stehen würdest. Gründe für Ohnmacht sind häufig in der persönlichen Lebensgeschichte zu suchen. Hattest Du einen sehr strengen Vater, kann es sein, dass Du Dich gegenüber Deines Vorgesetzten als ohnmächtig erlebst. Andere fühlen sich gegenüber dem eigenen Partner ausgeliefert und wiederum andere erleben dieses Gefühl, wenn sie eigentlich „Nein“ sagen wollen und dann doch „Ja“ sagen. Als Daumenregel können wir festhalten:

„Je nachdem, wie selbstwirksam Du Dich erlebst, empfindest Du das Gefühl bei mehr oder weniger starken Auslösern. Die Auslöser sind vom Mensch zu Mensch verschieden.“

Ein schwacher Auslöser kann sein: Du wirst von einem Arbeitskollegen gefragt, ob Du am Wochenende beim Umzug mithilfst. Und obwohl Du ihm gar nicht nahe stehst, aber es Dir noch schwerfällt nein zu sagen, sagst Du zu…

Ein starker Auslöser kann sein: Du gehst zum Arzt und bekommst Krebs im Endstadion diagnostiziert.

Sich der Ohnmacht nicht aussetzen

Keiner will „ohne Macht“ sein. Um sich diesem Gefühl nicht aussetzen zu müssen, haben wir unterschiedliche Strategien entwickelt. Die Transaktionsanalyse behandelt dieses Thema in ihrem „Passivitätskonzept“. Es analysiert, was Menschen tun, um ein Problem nicht zu lösen. Mitunter kann Passivität sehr aktiv aussehen. Wenn Du beispielsweise gegenüber Deinem Partner laut wirst weil er nicht Deiner Meinung sein will. Durch diese Art Deines Verhaltens löst Du die Unstimmigkeit nicht. Du bleibst passiv in Bezug auf das Problem – die Meinungsverschiedenheit. Die Transaktionsanalyse kennt ein paar Formen der Passivität:

  • Nichts tun
  • Überanpassung
  • Agitation
  • Gewalt und Selbstbeeinträchtigung

Nichts tun: Du wirst gemobbt. Du hältst die Respektlosigkeiten aus und unternimmst nichts. Durch Dein Nichthandeln bleibt Dein Problem bestehen. Verallgemeinert: Ein Ereignis bricht über Dich herein oder eine Situation nimmt ihren Lauf, in der Du eigentlich handeln musst. Doch Du unternimmst nichts und machst so weiter wie bisher.

Überanpassung: Dein Partner sagt Dir, dass er nicht zufrieden mit Eurer Beziehung ist. Du gehst in die Überanpassung und versuchst es ihm so recht wie möglich zu machen. Du reinigst die Wohnung, bereitest das Essen vor, stellst jeden Tag frische Blumen hin, ohne dass ein Ausgleich von seinerseits stattfindet. Dabei vernachlässigst Du Deine eigenen Bedürfnisse. Indem Du das tust und versuchst nach den Wünschen Deines Partners zu handeln, wirst Du nicht glücklich und Dein Partner wahrscheinlich noch weniger. Du löst das Problem der Unzufriedenheit nicht mit Deinem Erwachsenen-Ich, sondern versuchst aus dem Kind-Ich die Bedürfnisse Deines Geliebten zu erraten. Doch kaum ein erwachsener Mensch will mit einem kindlichen Gegenüber zusammen sein. Falls dir die Begriffe "Erwachsenen-Ich" und "Kind-Ich" noch nichts sagen, hier ein Video darüber:

Agitation: Nägel kauen, Fußwippen, Aufräumen oder einkaufen – um nicht das eigentliche Problem anzugehen. Du tust etwas, aber löst das Problem nicht. Auch Jammern ist beliebt. In Schulen im Lehrerzimmer wird gern das Psychologische Spiel: „Ist es nicht schrecklich?“ gespielt. Die Schüler sind dann schuld oder die Unterstützung von der Schulleitung fehlt, nur du nicht. Oder Du musst eine unbeliebte Arbeit erledigen – als Student eine Hausarbeit schreiben oder einen schwierigen Anruf tätigen. Alle anderen Arbeiten haben Vorrang, nur die eigentlich wichtige bleibt liegen.

Gewalt: Gewalt gibt es in körperlicher aber auch seelischer Form. Wir wenden schon Gewalt an, wenn wir uns mit einem anderen Menschen auseinandersetzen und ihn in irgendeiner Form abwerten. Das findet seinen Höhepunkt in der Ausübung von Macht in Form von körperlicher Gewalt. Eine Meinungsverschiedenheit mit Hilfe von Gewalt zu klären, löst das Problem nicht.

Selbstbeeinträchtigung: Deutlichstes Beispiel ist die Suizidalität. Damit wird das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit abgewehrt. Indem sich ein Mensch sein Leben nimmt, kann er sich noch einmal beweisen, dass er es in der Hand hat. Aber es auch so anzustellen, dass das eigentliche Bedürfnis nicht erreicht wird ist eine Form der Selbstbeeinträchtigung. Wenn ein Mitarbeiter eigentlich positive Aufmerksamkeit haben möchte und stattdessen Streit mit den Kollegen anfängt.

Beispiele für das sich nicht eingestehen von Ohnmacht:

  • Du wurdest von Deinem Partner verlassen und stürzt Dich in die Arbeit (Agitation)
  • Du lässt einem nervigen Kollegen die Luft am Fahrrad ab (Agitation)
  • Du gehst von einer Ausbildung in die nächste gehst, um nicht anfangen zu müssen selbstständig zu werden (Agitation)
  • Du studierst langzeit, weil Du eigentlich nicht weißt, was Du tun sollst (Agitation)
  • Du lügst, weil Du die Konfrontation scheust (Agitation)
  • Es gibt ein Problem in Deiner Beziehung. Statt Dich diesem zu widmen machst Du so weiter wie bisher (nichts tun)
  • Wenn Du Dich auf der Arbeit nicht mehr einbringst, weil Du frustriert bist (nichts tun)
  • Wenn Du mitrauchst, obwohl es Dir gar nicht schmeckt (Überanpassung)

Passivität gibt es nicht nur auf individueller Ebene. Ganze Nationen können passiv bleiben. Wenn ein Land nach Anschlägen das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit mit einem Krieg gegen ein anderes Land ausagiert. Das eigentliche Problem der Verwundbarkeit wird nicht gelöst und wird sich auch nicht lösen lassen. Es kann lediglich akzeptiert werden. Oder wenn eine Regierung einen Überwachungsskandal aussitzt, bleibt das eigentliche Problem bestehen (nichts tun).

Wie kannst Du überprüfen, ob Du wirklich ohne Macht bist?

Es gibt Situationen, in denen bist Du einfach machtlos. Es gilt sie zu akzeptieren und damit umzugehen. Und es gibt die weitaus häufigeren Situationen, in denen Du Dich durch Abwertung von Teilen Deiner Selbst machtlos machst. Wie ist das eine vom anderen zu unterscheiden?

Zunächst kannst Du Dir die Frage stellen, ob es sich um eine Situation handelt, die sich tatsächlich Deines Einflusses entzieht?

  • Tod eines Angehörigen – ja.
  • Der Willkür des Chefs ausgesetzt sein – nein.

Stellst Du fest, dass es für Dich Möglichkeiten des eigenen Handelns gibt, kannst Du schauen, wo Du Dich selbst abwertest.

Stellst Du jedoch fest, dass Du machtlos bist, kannst Du Dir ehrlich eingestehen, dass Du nichts machen kannst.

Möglichkeiten eigenen Handelns für beide Situationen

Annahme ist notwendig!

1. Mit Hilfe der Discounttabelle kannst Du überprüfen, an welcher Stelle Du Dich selbst abwertest. Hast Du diesen Punkt gefunden, kannst Du Dich erneut entscheiden, ob Du diesen Punkt weiterhin abwerten möchtet oder ob Du Dich entscheidest etwas Lösungsorientiertes zu tun. Hier erfährst du mehr darüber!

2. Wieder in Beziehung gehen hilft! Teile Dich mit. Sprich mit einem Freund und sage, dass Du Dich ohnmächtig fühlst. Das bringt Dich wieder in Kontakt. Das ist wichtig und hilft die Situation anzunehmen, wie sie unweigerlich ist. Es ist ein Zeichen von Reife sich Unterstützung zu holen. Ich suche mir manchmal auch die Hilfe eines Therapeuten oder Coaches. Er kann Dir mit seinen Methoden helfen über das Problem hinweg zu kommen. Loslassen ist und bleibt für viele ein schwieriger Prozess, für den es noch kein Patentrezept gibt.

In jedem Fall ist der aktive Umgang mit dem Problem ein Weg zur Lösung. Denn eigentlich macht nicht das Gefühl an sich Probleme. Das unterdrückte Gefühl erzeugt die Schwierigkeiten.

Das Gelassenheitsgebet

Reinhold Niebur wird das Gelassenheitsgebet zugeschrieben:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, 
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, 
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Fazit

Hier eine hilfreiche Frage, die ich mir stelle, wenn ich das Gelassenheitsgebet verwende:

“Kann ich die Dinge ändern?”

  • Wenn ja: “Was muss ich tun um die Dinge in meinem Sinne zu verändern.”
  • Wenn nein: Führe ich mir vor Augen, dass ich nichts tun kann und werde entweder gelassen fühle zu meiner eigenen Ohnmacht hin (manchmal, denn häufig gelingt es mir auch nicht).
  • Unterscheiden? Da habe ich selbst noch keine Antwort. Wie machst Du es?
Artikeldaten:
Das schwierige Gefühl der „Ohnmacht“ – sind wir ohne Macht?
Name des Artikels:
Das schwierige Gefühl der „Ohnmacht“ – sind wir ohne Macht?
Kurzbeschreibung:
Ohnmacht ist ein schwieriges Gefühl, dass wir häufig lieber wegdrücken als uns mit ihm auseinanderzusetzen. Erfahre, wie du klug mit ihr umgehen kannst.
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Veröffentlicht:
Transaktionsanalyse-online
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  • Privat sagt:

    Es hat einmal jemand gesagt, in einem Land wo man das Trauma Tag für Tag durch Ungerechtigkeit neu erlebt, kann man nicht gesunden. Und das ist das Problem! Gegen den Tod, hilft der Glauben – die Wiedergeburt, aber was hilft gegen ein korruptes Staatssystem und Menschen die Dich an jeder Ecke angreifen und verraten, wenn das Opfer, also gar nicht mehr erkennt, unterstützt oder ernstgenommen wird, weil sich die Gesellschaft längst von den Regeln verabschiedet hat und Ungerechtigkeit, Zwang, und Unterdrückung zur Normalität geworden sind plus Korruption? Dann erlebt man das Trauma, wieder und wieder…..

    • Steffen sagt:

      Hi, danke für deinen Kommentar. Auf dieser Welt gibt es Kräfte, deren Interesse es ist, dich schwach zu halten. Jedoch bietet diese Welt auch Chancen zu wachsen und zu gesunden. Nicht jeder Mensch will dich angreifen und verraten. An dieser Stelle wäre vielleicht ein Wechsel der sozialen Kontakte angebracht, wenn du das so empfindest. Das geht oftmals einher mit dem Erkennen, welchen Beitrag man selbst zum Erhalt eines unbefriedigenden Zustandes leistet. Auf TA-online findest du viele Impulse von mir – als jemand, der unterstützt und ernst nimmt. Viele Grüße

  • Sebastian sagt:

    Wie unterscheide ich das?

    Wenn es keine Frage von Leben oder Tod ist, belasse ich sie unbeantwortet und schaue, wie ich mich damit fühle. Ein bewusster Moment des ‘Nichts tuns’.
    Am nächsten Tag wird die Anwort vielleicht deutlich.
    Vielleicht aber auch nicht…
    ;)

    Das ist meiner Ansicht nach aber auch sehr stark eine Typfrage. Ich kenne Menschen, für die sind offene Fragen, offene und multioptionale Situationen schier unerträglich.
    Ich neige eher dazu, ein Problem damit zu haben, mich auf etwas festzulegen, wo es keine Notwendigkeit dazu gibt. Das schränkt Entfaltungsmöglichkeiten ein…
    Wer A sagt, muss ja noch lange nicht B sagen…
    :)

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