• 3. August 2021

Autonomie Transaktionsanalyse: Das Entwicklungsdreieck

Autonomie wird im Alltag oft als Selbstbestimmung verstanden. In der Transaktionsanalyse (TA) ist sie das höchste Ziel und wird als ein mehr von Spontanität, Intimität und Bewusstheit definiert. 

1. Autonomie erklärt: So kannst du sie nutzen 

Autonomie soll durch die Anwendung der Konzepte und Haltung der TA erreicht werden. Dabei ist Autonomie ein Ideal, welchem man sich durch ein mehr an Spontanität, Intimität und Bewusstheit annähern kann.

Das Autonomiekonzept kann uns helfen, uns unserer Entwicklungsthemen bewusst zu werden und unsere eigenen Muster zu hinterfragen. So können wir Situationen neu bewerten und uns auch neu entscheiden. Durch diese Selbstermächtigung erzielen wir bessere Ergebnisse und erlangen mehr Gelassenheit.

Sie kann dir wie ein Leitstern sein. Sie hilft dir, deinen Status quo zu hinterfragen und deine eigene Position und Entwicklung zu reflektieren. 

Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass es sich jedoch nur um ein Konzept handelt. Es kann dir als Landkarte dienen, ist dabei aber eben nur ein vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit und nicht diese selbst.

Folgend schauen wir uns an, was hinter den Begriffen steckt: 

Spontanität

Spontanität beschreibt die Möglichkeit und Flexibilität, sich frei von unserer Geschichte im Hier und Jetzt zu handeln. Es bedeutet in der Lage zu sein, sich frei zu seinen Handlungen zu entscheiden und sich nicht von Gewohnheiten und Vergangenem leiten zu lassen.

Beispiel: Stell dir vor, dein Vorgesetzter oder deine Vorgesetzte macht dir einen Vorwurf bezüglich deines Arbeitstempos. Wie reagierst du? 

Die meisten Menschen haben ein festgelegtes Repertoire an Verhaltensmustern. Spontanität bedeutet sich seinen Mustern bewusst zu werden und die eigenen Handlungsstrategien zu erweitern, wo unser ursprüngliches Verhalten nicht zielführend ist.

Intimität 

Intimität ist der freie und offenherzige Ausdruck der eigenen Gefühle in Gegenwart anderer. Dazu gehört auch das Ausleben negativer Gefühle.

Zudem beschreibt Intimität die Fähigkeit, in Beziehungen zu gehen und diese zu gestalten. Durch den freien Ausdruck von Gefühlen lernen Menschen sich in der Tiefe kennen und können sich besser aufeinander einstellen.

Bewusstheit 

Bewusstheit bedeutet jeden und alles in seiner Einzigartigkeit wertfrei wahrzunehmen. Jeder Moment, jedes Lebewesen und jeder Gegenstand ist einmalig und individuell.

Im Zustand der Bewusstheit nehmen wir dies bewusst und ohne Wertung war. Das Gleiche gilt für unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen, auch sie sind einmalig und individuell.  


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2. Das Autonomiedreieck

Um deine eigene Entwicklung zu reflektieren, wollen wir dir das Autonomiedreieck vorstellen. Es setzt die 3 Fähigkeiten Spontanität, Intimität und Bewusstheit zueinander in Beziehung.

Intimität, Bewusstheit und Spontanität definieren Autonomie in der Transaktionsanalyse

3. Warum wir nach Autonomie streben

Ich und mein TA-Kollege Bernd Taglieber haben uns die Frage gestellt:

Welcher Antrieb steckt hinter dem Streben nach Autonomie?

Um das zu beantworten, haben wir die Idee entwickelt, das Dreieck der psychologischen Grundbedürfnisse (Hungerdreieck) mit dem Autonomiedreieck zu vereinen.

Blau - das Hungerdreieck, gelb - das Autonomiedreieck

Die psychologischen Grundbedürfnisse (Hunger) bestimmen maßgeblich unser Handeln im Sinne einer Grundversorgung.

Das Streben nach Autonomie ist eine darüber hinausgehende Entwicklungsrichtung. Wir konnten feststellen, dass die jeweiligen Stichworte sinnvoll zuzuordnen sind.

  1. Der Zusammenhang zwischen Anerkennung (Strokes) und Intimität beschreibt den Weg vom eigenen “satt sein” zur nährenden Bezogenheit und dem Austausch mit unseren Mitmenschen.

  2. Der Weg vom Strukturbedürfnis zur Spontanität beschreibt die Öffnung vom sicherheitsbezogenen Wunsch nach Struktur und Orientierung, hin zum gelassenen Umgang mit komplexen Situationen.

  3. Der Weg von der Stimulation zur Bewusstheit beschreibt den Weg von dem grundsätzlich notwendigen Maß an Anregung zu einem qualitativ hochwertigen Erkennen der unbewussten Anteile unserer Persönlichkeit.
    Dieser Weg ist ein Betreten von Neuland und erfordert ein hohes Maß an Mut und ist bis an die Grenzen stimulierend.

Entfaltung

Wir verstehen die drei psychologischen Hunger (Anerkennung, Stimulation und Struktur) als Basis der Entwicklungsarbeit, deren Bedienung allein schon anspruchsvolle “Grundnahrung” ist. Hier schlagen wir als Zwischenziel die schon bekannte Metapher des “Sattmachens” vor.

Je sättigender die psychologischen Grundnahrungsmittel sind, umso besser. Am besten ist es, wenn sie dazu noch gut ausbalanciert sind.

satt sein Transaktionsanalyse

Waffeln: Anerkennung, Struktur und Anregung in einem

Satt sein stellt eine Voraussetzung für das Streben nach Lebensqualität dar. Satt sein allein reicht jedoch noch nicht. Nur das grundlegende psychologische Fundament ist geschaffen und das Gefühl des Mangels ist befriedigt.

Sind wir gesättigt, haben wir die Möglichkeit uns zu entfalten. Wir Menschen sind von Natur aus so angelegt, dass wir danach streben. Unsere natürliche Neugier und Kreativität können als zentrale Kräfte dafür gesehen werden.

Das Streben nach Autonomie (einem mehr an Spontanität, Intimität und Bewusstheit) stellt Entfaltung dar. Indem wir zum Beispiel unsere Handlungsmuster hinterfragen und sie förderlicher gestalten können wir unsere Lebensqualität verbessern. 


4. Standortbestimmung

Zunächst kann der eigene Standort bestimmt werden. Inwiefern ist man noch hungrig, bereits satt oder hat schon größere Freiheitsgrade, um besser im Leben zu stehen?

Als Ausgangsbasis von Entwicklungsarbeit schlagen wir eine intuitive Einschätzung anhand von drei Fragen vor. Anhand der Grafik können die Ergebnisse sichtbar gemacht werden und erlauben eine einfachere Einschätzung:

Du kannst die Grafik nutzen um die Antworten der drei unten stehenden Fragen bildlich festzuhalten

  1. Wie schätzt du die Qualität, Vertrautheit und Tiefe deiner Beziehungen prozentual ein?  
    • 0-3: Ich werde wahrgenommen, aber nicht satt.
    • 4-6: Meine Beziehungen nähren mich.
    • 7-10: Meine Beziehungen bereichern mein Leben.
  2. Wie schätzt du deine Fähigkeiten ein, auf deine Umwelt zu reagieren und dabei die Ergebnisse zu erhalten, die du dir wünscht? 
    • 0-3: Ich fühle mich häufig als Spielball meiner Umwelt. Unvorhergesehenes bringt mich öfter aus der Balance.
    • 4-6: Ich fühle mich stabil. Ich bekomme einigermaßen die Resultate, die ich haben will.
    • 7-10: Ich kann fast immer sehr flexibel und unverkrampft auf meine Umwelt reagieren.
  3. Wie schätzt du deine Bereitschaft ein Neues zu wagen und Unbewusstes kennenzulernen, um dich besser zu verstehen? 
    • 0-3: Weitere Stimulation und Anregung in Bezug auf mich selbst kann ich nicht gebrauchen.
    • 4-6: Ich freue mich, wenn Selbsterkenntnis hinzukommt.  
    • 7-10: Ich bin mutig im Umgang mit meinen unbewussten Anteilen, selbst bei tiefsitzenden Themen.

Hier kannst du dir die Einschätzung als Arbeitsblatt downloaden:


5. Dein Potenzial nutzen: Entwicklungsziele setzen

Ist der Standort umrissen (der natürlich auch von gegenwärtigen Einflüssen verzerrt wird), kann man selbst bzw. mit Klienten die entfernteren Ziele abstecken. Das individuell erstellte Entwicklungsdreieck kann sich ausdehnen.

Beispiel für eine mögliche Standortbestimmung

Wir legen die auf Kurt Goldstein zurückzuführende und von Carl Rogers geprägte Selbstaktualisierungstendenz zugrunde. Sie beschreibt den Wunsch von Menschen die eigenen Lebensumstände beständig zu verbessern.

Um in allen drei Bereichen das eigene Dreieck in Richtung Autonomie auszudehnen, dürfen gedankliche und gefühlsmäßige Antworten auf diese Fragen gefunden werden:

  • Wie kann ich besser in Beziehung kommen - zu mir selbst und zu anderen?

  • Wie kann und sollte ich persönlich wachsen?
  • Wie kann ich meine Möglichkeiten des Denkens, Handelns und Fühlens erweitern?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, stehen transaktionsanalytische Konzepte und Methoden bereit.

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6. Sicherheit vs. Risiko

Die Grundseite des “Hunger-Dreiecks” stellt die unumgängliche Basis für weitergehende Entwicklung dar. Sie besteht aus dem Bedürfnis nach wahrgenommen zu werden und Struktur. Sie repräsentiert das Sicherheitsbedürfnis von Menschen. 

Ohne ausreichende Sicherheit, sozial integriert und gut orientiert und strukturiert, verschließen sich Menschen weiterer Stimulation.

Über Anerkennung und Struktur wird das Sicherheitsbedürfnis eines Menschen abgedeckt

Das Maß der Stimulation ist in unserer Gesellschaft sowieso schon grenzwertig. Werbebotschaften und Nachrichten prasseln ständig auf uns ein. Jede Entwicklungsarbeit mit Menschen ist ebenfalls eine kräftige Stimulation. Deshalb ist ein vertraglich gut dosierter Fortschritt von Nöten. Überforderung ist zu vermeiden. 

Die Spitze des Autonomiedreiecks und die Spitze des Hungerdreiecks sind risikobehaftet weil sie in der Regel mit dem Betreten von Neuland verbunden sind und sie damit herausfordernde Stimulation bedeuten.

Stimulation und Entwicklungsarbeit gehen mit persönlichem Risiko einher

Es gibt aber auch die Variante, dass Menschen mit unverhältnismäßig hohen Risiken einen Mangel an Beziehungstiefe ausgleichen. Die Intensität des Risikos ersetzt die noch riskanter empfundene Tiefe intimer Beziehungen und deren möglichen Verlust. Doch grundsätzlich bleiben Struktur und Anerkennung die Voraussetzung für Wachstum in Richtung Spontanität, Intimität und Bewusstheit.

Wir, Bernd Taglieber und Steffen Raebricht, freuen uns wenn du uns einen anregenden Kommentar hinterlässt. 

  • Fragen
  • konstruktive Kritik
  • Anwendungserlebnisse
  • usw.



Über die Autoren: Bernd Taglieber und Steffen Raebricht 
Fotos TA+ Trainer Bernd Taglieber und Steffen Raebricht

Bernd Taglieber: Supervisor, (Co-)Autor und Berater, Zertifizierter Transaktionsanalytiker (CTA), Organisationsentwickler, Coach und Supervisor, Unternehmer, hier erfährst du mehr über Bernd

Steffen Reabricht: Gründer von TA+, Selbstständig, Transaktionsanalyse-Trainer, Universitäts-Dozent (UT-Dallas), Trainer, Coach, Autor, Imker, hier erfährst du mehr über Steffen

  • Claudia sagt:

    Gelungener, runder Artikel, der die beiden Konzepte gut nachvollziehbar miteinander kombiniert. Gefällt mir sehr gut, danke!

  • Ulrike Köpper sagt:

    Hallo Steffen,

    danke für den Artikel. Er ist nicht nur für mich selbst interessant, weil ich damit meiner Hndlungsweise auf den Grund komme, sondern läßt mich auch die Menschen in meinem Umfeld klarer erkennen.
    Ich bin jemand, der die ständigen Kritiker, Meckerer und Nörgler schwer ertragenden. Und immer öfter sage ich dann auf solche Äußerungen, dass eine Antwort auf die dargestellte Unzufriedenheit doch eigentlich in eigener Aktivität münden müsste. Das killt manche Gespräche.
    Eine Frage: Sind Werbung und Nachrichten wirklich Stimulation? Für mich sind Sie ungewollte Einmischung, die ich versuche, immer öfter zu hinterfragen oder auszublenden. Ich will nicht, dass von außen so auf meine Befindlichkeit oder Bedürfnisse Einfluss genommen wird. Das raubt mir doch einen großen Teil meiner Entscheidungsfähigkeit.

    Einen schönen Restsonntag

    Ulrike Köpper

    • Steffen sagt:

      Hallo Ulrike, danke für deinen Kommentar und deine netten Worte. Werbung und Nachrichten sehen wir als Stimulation. Der Begriff ist erstmal neutral. Er kann für dich positive und negative Formen annehmen. Wenn dich jemand auf der Straße von der Seite antippt, dann ist das auch eine Stimulation. Darauf wirst du wahrscheinlich reagieren. Werbung macht im Prinzip nichts anderes. Sie tippt dich an, im übertragenen Sinne. Viele Grüße
      Steffen

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